Belgien:Justizminister versteckt im Safe House

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Belgien: Belgiens Justizminister Vincent Van Quickenborne wurde in ein Safe House gebracht. Seinen Regierungsgeschäften kann er dort nur eingeschränkt nachgehen.

Belgiens Justizminister Vincent Van Quickenborne wurde in ein Safe House gebracht. Seinen Regierungsgeschäften kann er dort nur eingeschränkt nachgehen.

(Foto: Olivier Matthys/AP)

Die Drogenmafia verbreitet in Belgien Angst und stört sogar die Regierungsgeschäfte. Aus seinem Versteck spricht der Justizminister von "Narco-Terrorismus", dessen Ziel es sei, Staat und Gesellschaft zu erschüttern.

Von Josef Kelnberger, Brüssel

Am Montagabend gab es wieder Riesenaufruhr rund um das Wohnhaus des belgischen Justizministers Vincent Van Quickenborne in Kortrijk. Ein Päckchen lag herum, verdächtig. Hatte die Drogenmafia Sprengstoff verschickt, nachdem der Versuch, den Minister zu entführen, vier Tage zuvor gescheitert war? Ein Sicherheitskorridor wurde eingerichtet, Anwohner mussten ihre Häuser verlassen, der "Dienst für die Entfernung und Zerstörung von Sprengkörpern" rückte an. Der stellte fest: Es handelte sich um ein harmloses Päckchen, per Post verschickt, darin ein Ersatzteil für ein Elektrogerät. Aber von Entwarnung zu sprechen, wäre übertrieben.

Es ist eine bizarre Situation für einen europäischen Rechtsstaat: Der Justizminister muss sich verstecken vor der Drogenmafia, deren Geschäfte er stört. Auf dringenden Wunsch der Sicherheitsbehörden hat Vincent Van Quickenborne sein Haus in Kortrijk verlassen. Er ist jetzt mit seiner Familie an einem der Öffentlichkeit unbekannten Ort untergebracht, in einem sogenannten Safe House. Seinen Regierungsgeschäften kann er nur sehr eingeschränkt nachgehen, sogar eine ressortübergreifende Besprechung zum Thema Bandenkriminalität wurde abgesagt.

Im Auto lag eine Kalaschnikow

Vier mutmaßliche Täter sitzen in den Niederlanden in Haft. Sie waren in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit zwei Autos in Kortrijk angerückt und offenbar erst im letzten Moment von der Polizei verscheucht worden. Festgenommen wurden sie dann in Den Haag. In einem der Autos fand die Polizei eine Kalaschnikow. Die vier Männer verweigern sich einer Auslieferung nach Belgien und werden deshalb in den Niederlanden verhört. Über Geständnisse und mutmaßliche Hintermänner ist bislang nichts bekannt.

Der belgischen Öffentlichkeit scheint erst langsam bewusst zu werden, welche Ausmaße das Problem hat. "Ist Belgien ein Narco-Staat?", fragte die Zeitung Le Soir in einem Meinungstext, die Antwort war kein klares Nein. Belgien ist, gemeinsam mit den Niederlanden, erste Adresse für Drogen-Lieferungen nach Europa, vor allem wegen des Hafens in Antwerpen. Das Geschäft lockt Banden unterschiedlicher Herkunft an, durchsetzt das Land mit Kriminalität, Korruption und immer mehr offener Gewalt.

Die Attacke auf sich erklärt der Justizminister mit den Erfolgen der eigenen Politik

Aus dem Safe House heraus gab Minister Van Quickenborne am Dienstag Interviews. Er sprach von "Narco-Terrorismus" mit dem Ziel, Staat und Gesellschaft zu erschüttern. Die Attacke auf seine Person erklärte er mit den Erfolgen der eigenen Politik. Van Quickenborne hat Polizei und Staatsanwaltschaften verstärkt, die zuvor viele Jahre lang mit Sparrunden überzogen worden waren. In Antwerpen gelang ein massiver Schlag gegen die internationale Drogenszene, nachdem die Polizei einen Krypto-Kommunikationsdienst hatte hacken können. Allein in Belgien wurden 1200 Personen verhaftet. Der Minister tut alles, um auch der Hintermänner in Lateinamerika und Asien habhaft zu werden. Das, so vermutet man, könnte der Grund für die Attacke auf ihn sein.

Er werde den Kampf nicht aufgeben, sagt Quickenborne, auch wenn ihm klar sei, was das bedeutet: "Solange ich Minister bin, werde ich nicht mehr allein zum Bäcker gehen können."

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:Justizminister im Visier der Drogenbosse

In der Nähe des Hauses von Vincent Van Quickenborne werden eine Kalaschnikow und weitere Waffen in einem Auto gefunden, offenbar sollte der Politiker entführt werden. Der Fall schreckt das ganze Land auf.

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