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Beale-Chiffre:Der sagenhafte Schatz des Wilden Westens

Vor 200 Jahren fand Büffeljäger Thomas Beale in Colorado riesige Mengen Gold, zum Versteck führt ein bis heute nicht entzifferter Code. Oder ist alles nur ein Bluff?

Von Florian Welle

Er soll eine stattliche Erscheinung gewesen sein. Etwa 1,80 Meter groß, langes, schwarzes Haar, entschlossener Blick. Nicht nur das verwegene Äußere von Thomas J. Beale regt die Fantasie an. Auch die Geschichte, die sich um seine Person rankt, hat alle Ingredienzien, sofort das Kind im Manne zu wecken und sein Abenteurerherz höher schlagen zu lassen: Amerika, ein Goldversteck, drei verschlüsselte Botschaften.

Die erste verrät den Ort, die zweite den Inhalt, die letzte nennt Personen, die anteilig bedacht werden sollten. Bis heute ist nur die zweite der sogenannten Beale-Chiffren entziffert. Das heißt, dass der Schatz im Wert von umgerechnet etwa 25 Millionen Euro immer noch nicht gehoben ist. Wenn es ihn je gab.

1817 jagt eine Gruppe von dreißig Männern eine Büffelherde. In einer Schlucht Hunderte Meilen nördlich von Santa Fe machen sie Quartier. Während das Essen auf dem Feuer brutzelt, entdeckt einer in einem Felsspalt Gold. Sofort ist Schluss mit Büffeljagd. Nun werden Nuggets geschürft, eineinhalb Jahre lang.

Man beschließt, die Beute in Sicherheit zu bringen. So reitet 1820 einer der Männer, Thomas Beale, in seine Heimat Virginia zurück, steigt bei dem Lynchburger Hotelbesitzer Robert Morriss ab und vergräbt alles an einem geheimen Ort. Anschließend begibt er sich wieder nach Colorado und sucht weiter nach dem Edelmetall. Ende 1823 reist er ein zweites Mal nach Virginia, um die Ausbeute ins Versteck zu bringen.

Vor seiner erneuten Abreise übergibt Beale Robert Morriss eine verriegelte Kiste. Wenig später bekommt der Hotelier Post von Beale. Dieser bittet ihn, die Truhe so lange zu verwahren, bis er oder einer seiner Männer sie abholen. Wenn aber in den nächsten zehn Jahren niemand käme, dann solle er sie aufbrechen. Zu gegebener Zeit werde er eine Nachricht erhalten, mit deren Hilfe man die verschlüsselten Botschaften in der Kiste enträtseln könne.

Die Unabhängigkeitserklärung löst einen Teil

Morriss wartet zehn Jahre. Weder lässt sich in dieser Zeit jemand blicken, noch erhält er Post. Morriss übt sich erneut in Geduld, bis 1845 endlich seine Neugier die Oberhand gewinnt und er die Kiste öffnet. Zum Vorschein kommen drei mit Zahlen beschriebene Blätter.

Auf dem ersten Papier stehen 520 Ziffern, auf dem zweiten 763 und auf dem letzten 617. Doch wie soll er diesen komplizierten Code knacken? Die von Beale versprochene Nachricht mit dem Lösungsschlüssel ist nie bei ihm angekommen. Morriss versucht es trotzdem und wird darüber ein alter Mann.

Mit 84 Jahren - mittlerweile schreibt man 1862 - wendet er sich an einen Freund. Um wen es sich handelt, weiß man nicht. Bekannt ist nur, dass dieser die zweite Beale-Chiffre enträtselt. Er findet heraus, dass es sich um eine Buch-Verschlüsselung handelt und sie auf der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fußt: Jede der Zahlen zwischen 1 und 1005 ist einem Buchstaben des Textes zugeordnet.

Und so lesen wir: "Ich habe in Bedford County, etwa vier Meilen von Buford, in einer Aushöhlung sechs Meter unter der Erdoberfläche, die folgenden Gegenstände deponiert, die jenen Personen gehören, welche in Nummer 3 genannt sind." Im Folgenden wird der Inhalt des Schatzes aufgelistet, um zu schließen: "Papier Nummer 1 beschreibt die genaue Lage des Hohlraums, so dass es nicht schwierig sein dürfte, ihn zu finden."

Der letzte Satz klingt aus heutiger Sicht wie ein Witz. Da es nämlich trotz unzähliger Versuche bisher niemandem gelungen ist, den Code der Papiere Nummer 1 und 3 zu knacken, wurde der Schatz nie gefunden. So biss sich etwa die von 1968 bis 1996 existierende Beale Cypher Association daran die Zähne aus. Was viele Kenner mittlerweile zu der Annahme verleitet, dass es den Abenteurer nie gegeben hat, und die Beale-Chiffren ein großer Schwindel sind.

Dafür gibt es handfeste Gründe. Alles, was wir von Thomas Beale und seinen versteckten Nuggets wissen, stammt nämlich aus einer einzigen Quelle. 1885 erschien in Lynchburg eine schmale Schrift: "The Beale Papers, Containing Authentic Statements Regarding the Treasure Buried in 1819 and 1821, Near Bufords, in Bedford County, Virginia, and Which Has Never Been Recovered" (siehe Abbildung).

Der Schatz wurde 1885 erstmals erwähnt.

Wer ist der Autor der sagenhaften Story, die Klaus Schmeh, einer der besten Kenner der Materie, einen "Groschenroman" schimpft? Niemand anderes als der besagte Freund von Morriss, dessen Identität unbekannt geblieben ist - er hat die Schrift anonym veröffentlicht, um angeblich nicht von Schatzsuchern belästigt zu werden.

Allein das macht stutzig, und einige Verwegene vermuten hinter dem Anonymous niemanden Geringeren als Edgar Allan Poe. Folgt man Schmeh, dann erschüttern noch weitere Ungereimtheiten die Vertrauenswürdigkeit des Bändchens.

Das fängt damit an, dass die Existenz von Beale, der als Büffeljäger über ein enormes kryptologisches Wissen hätte verfügen müssen, sich nie eindeutig belegen ließ. Und es hört noch längst nicht damit auf, dass die Fundstelle des Goldes nie ermittelt werden konnte.

Ungereimtheiten halten Schatzsucher nicht ab

Schmeh fragt: "Ist es glaubhaft, dass Goldschürfer den Ertrag jahrelanger Arbeit über Tausende Kilometer in ein Versteck transportieren lassen? Warum hat keiner die Kiste bei Morriss abgeholt? Warum hat offenbar jeder der 30 Männer sein Geheimnis mit ins Grab genommen?"

Der wichtigste Einwand jedoch: Die zweite Nachricht wurde mit einer fehlerhaften Unabhängigkeitserklärung codiert und konnte daher auch nur mit dieser Fassung decodiert werden. Was für ein Zufall!

All dies hält eifrige Schatzjäger aber bis heute nicht davon ab, weiter nach dem Beale-Gold zu graben.

© SZ vom 26.11.2016/odg
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