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Bauprojekt an der A 3:Mut zur Brücke

Warum abreißen? An vier Pfeilern der Lahntalbrücke könnten künftig Büros und Wohnungen hängen - hier der Entwurf.

(Foto: Egenolf)

Wohnen auf einer Autobahnbrücke? Was für manche wie ein Albtraum klingt, könnte in Hessen zum exklusiven Wohntraum werden. Die Lahntalbrücke an der A 3 soll umgebaut werden.

Seit Montag ist Albert Egenolf auf der Münchner Immobilienmesse "Expo Real" unterwegs. Er ist auf der Suche nach Investoren, die ihn haben: den Mut zur Brücke. Und da die Messe als der "weltweit wichtigste Umschlagplatz" architektonischer Phantastik gilt (Albert Speer), könnte der Mann aus Hessen tatsächlich fündig werden. Dann hätte er zumindest die finanziellen Fragen geklärt, um seinen Traum wahr werden zu lassen. Die Ängste seiner Mitbürger hätte er jedoch noch nicht zerstreut. Traum oder Albtraum: Das liegt bei diesem Projekt sehr nahe beieinander.

Egenolfs Vision, das ist der Umbau einer alten, 60 Meter hohen Autobahnbrücke an der A 3 in der Nähe der hessischen Kreisstadt Limburg. Man kennt die Brücke, die zwischen Frankfurt und Köln die Lahn als Nebenfluss des Rheins überspannt, im besten Fall vom Drüberfahren. Im schlechteren: vom Darauf-im-Stau-Stehen. Das Bauwerk aus dem Jahr 1964 wird täglich von mehr als 100.000 Fahrzeugen genutzt und gilt als eine der meistbefahrenen Verkehrsbrücken Deutschlands. Ein Neubau ist geplant: unmittelbar neben der alten Brücke, die baufällig ist und nicht erweitert werden kann. Allein der Abriss des alten Bauwerks würde zehn Millionen Euro kosten.

Und hier beginnt das Zukunftsrauschen. "Warum die Brücke für viel Geld abreißen", fragt man sich in der "Egenolf Entwicklungs- und Beteiligungsgesellschaft" - warum nicht viel Geld damit verdienen? Egenolf möchte das vorhandene Tragwerk der Brücke nutzen, um daraus eine an Bienenwaben erinnernde "Living Bridge" zu machen. Also einen Ort zum Wohnen und Leben, samt "exklusivem Wohnraum", Büro- und Konferenzräumen, Hotel, "Wellnessareal und Medical Care". Früher, als die Immobilien-Poesie noch nicht so ausgeprägt war, hätte man sich darunter Arztpraxen und Sauna vorstellen können. Soweit der Futurismus, der im Internet so beworben wird: "Seien Sie dabei und beschreiten Sie mit uns die Brücke der Zukunft!"

Bewohnbare Brücken gibt es seit dem Mittelalter

Ganz neu ist die Idee allerdings nicht. Bewohnbare Brücken sind seit dem Mittelalter bekannt. Die berühmte Ponte Vecchio in Florenz stammt aus dem 14. Jahrhundert. Wie eh und je kann man in den balkonartig auskragenden Läden über dem Arno einkaufen. Oder die Pont au Change in Paris. Im Mittelalter war die Brücke mit 140 Wohnhäusern bebaut, dazu mit 112 Läden.

Es scheint an der Zeit zu sein, die alten Ideen zu reanimieren: Für Hamburg hat der Architekt Hadi Teherani eine 700 Meter lange Wohnbrücke für mehr als 1000 Wohnungen ersonnen. Auch in Duisburg kursieren Pläne für eine rund 100 Millionen Euro teure bewohnbare Brücke.

Solche Vorhaben sind natürlich umstritten. Verbunden damit sind einerseits - wie in Limburg - die durchaus zukunftsweisenden Ideen nachhaltiger Umnutzung sowie kreativer Wohnraumbeschaffung; andererseits könnten, auch das muss man ernst nehmen, Landschafts- oder Stadträume verunstaltet werden. Zu schweigen von der Angst, die Brücke könnte einstürzen.

In der Kino-Adaption von Patrick Süskinds Roman-Bestseller "Das Parfum" kracht die Pont au Change in sich zusammen und bringt Tod und Verderben über die Brückenbewohner. Pont au Change bedeutet übrigens so viel wie: Brücke der Geldwechsler.