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Kanada:Wer hat Barry und Honey Sherman umgebracht?

Beim Swimmingpool im Keller dieses Anwesens, das mittlerweile nicht mehr steht, wurden am 15. Dezember 2017 die Leichen von Barry und Honey Sherman gefunden.

(Foto: Rob Gillies/AP)

Der rätselhafte Doppelmord an dem milliardenschweren Pharma-Unternehmer und seiner Frau beschäftigt die Ermittler in Kanada seit drei Jahren. Jetzt sind sie der Aufklärung näher gekommen.

Von Moritz Geier

Barry Sherman hatte schon mal darüber nachgedacht, ob jemand ihn töten wolle, ein Rivale, ein Konkurrent, ein beruflicher Gegenspieler vielleicht. Es war eigentlich nur eine Randnotiz in einem Buch, das der Kanadier über seine Branche geschrieben hatte, die Pharmaindustrie. Sherman hat ein Vermögen mit der Produktion von Generika verdient, Arzneimitteln also, die bereits existierenden Markenpräparaten gleichen, aber billiger angeboten werden. Das Buch erschien 2001, also 16 Jahre bevor Shermans Leiche am Swimmingpool im Keller seines Anwesens in Toronto gefunden wurde. Neben ihm lag seine tote Frau.

Seit nunmehr drei Jahren beschäftigen diese Morde Kanada, auch international hat der Fall Schlagzeilen gemacht - er wirkt wie ein Krimi aus der Feder eines kühnen Drehbuchschreibers: mit seinen Wendungen, ungelösten Rätseln und einem schwerreichen Opfer, das auf der Forbes-Liste mit einem Nettovermögen von rund drei Milliarden Dollar als einer der reichsten Männer Kanadas geführt worden war. Als die Shermans beerdigt wurden, kamen 6000 Menschen, unter ihnen Kanadas Regierungschef Justin Trudeau. Und Linda Frum, Mitglied im kanadischen Senat, sagte, die beiden hätten zu "den freundlichsten und beliebtesten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Kanadas" gezählt.

Wer also hat Barry und Honey Sherman umgebracht?

Am Mittwoch kam die Öffentlichkeit der Antwort auf diese Frage ein kleines Stück näher. Man habe, teilte die Ermittlerin Jenifferjit Sidhu mit, eine "Person von besonderem Interesse" identifiziert. Eine Festnahme habe es aber noch nicht gegeben. Von Personen von besonderem Interesse sprechen Ermittler, wenn sie glauben, dass diese in ein Verbrechen involviert waren, ihnen aber die Beweise fehlen, um sie als Verdächtige einzustufen und vor Gericht zu bringen.

December 15 2017 FILE Apotex founder Barry Sherman and wife Honey Sherman oronto Police Servi

Barry Sherman auf einem Bild aus dem Jahr 1995. Der Kanadier hatte sein Vermögen mit Nachahmer-Medikamenten gemacht.

(Foto: John Mahler/Imago/Zuma Press)

Als Barry Sherman, 75, und seine fünf Jahre jüngere Frau Honey am 15. Dezember 2017 tot in ihrem Anwesen gefunden werden, geht die Polizei erst von einem erweiterten Suizid aus. Barry Sherman habe seine Frau stranguliert, dann sich selbst, so die Vermutung. Die vier Kinder der beiden aber halten das für ausgeschlossen. Sie beauftragten Privatdetektive und setzen im Oktober 2018 eine Belohnung von umgerechnet 6,8 Millionen Euro aus für Hinweise, die helfen, die Mörder ihrer Eltern zu finden. Ein von den Kindern beauftragter Pathologe findet bei einer zweiten Autopsie Spuren an den Handgelenken der Toten, die darauf hindeuteten, dass sie vor ihrem Tod mit Seilen oder Kabelbindern gefesselt waren.

Sechs Wochen nach dem Fund der Leichen korrigiert dann auch die Polizei ihren Kurs. Sie nimmt Ermittlungen auf und geht dem Verdacht eines gezielten Doppelmordes nach, bis heute allerdings erfolglos.

Barry Sherman galt als streitsüchtig

Bernard "Barry" Sherman ist der Gründer des Pharmakonzerns Apotex, der weltweit mehr als 8000 Mitarbeiter beschäftigt. Sein Wirken kann durchaus als widersprüchlich angesehen werden: Einerseits war er ein gerissener und streitsüchtiger Geschäftsmann, so hat die New York Times seinen Ruf beschrieben. Sherman erwirtschaftete ein Milliardenvermögen als aggressiver Geschäftsmann, der sich für keinen Prozess zu schade war. Anderseits gehörten die Shermans zu den großzügigsten Spendern Kanadas und stifteten Millionensummen für Schulen, Krankenhäuser und wohltätige Zwecke. Honey Sherman, das Kind zweier Holocaust-Opfer, war leidenschaftlich ehrenamtlich aktiv, über den Holocaust zu informieren war ihr Herzensthema.

Fred Waks, einen Immobilienunternehmer und engen Freund der Shermans, zitierte die New York Times mal mit folgenden Worten: "Barry war weltweit in der Pharmaindustrie verstrickt. Bei seinen Rechtsstreitigkeiten ging es um Milliarden Dollar, hin und her. Wenn du es mit der Größe dieses Industriezweigs zu tun hast und den Beträgen, von denen wir hier reden, dann machst du dir zwangsweise Feinde. Feinde auf der ganzen Welt."

Über Rachemotive, Auftragsmörder und ähnliche Theorien haben die Kanadier in den vergangenen Jahren viel gerätselt. Und sie werden es vorerst weiter tun. Bis es endlich Klarheit gibt.

© SZ/afis
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