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Bandenwesen:Der Pate von Neuruppin

In Brandenburg steht die neunköpfige "XY-Bande" wegen Drogenhandels vor Gericht. Die Buchstaben "XY" auf ihren Nummernschildern gelten als Geheimzeichen der Gruppe, die nach dem Vorbild der Mafia agierte.

Von Mike Szymanski

Das Verbrechen, mit dem sich seit Dienstag das Landgericht im brandenburgischen Neuruppin beschäftigt, bringt die Justizbehörde zumindest räumlich an ihre Grenzen: Für die neun Angeklagten, darunter ein CDU-Kommunalpolitiker, 15 Verteidiger und drei Staatsanwälte.

Der Pate von Neuruppin

Der Kopf der "XY-Bande", Olaf Kamrath.

(Foto: Foto: AP)

Dicht gedrängt sitzen sie im ist der Sitzungssaal 1 umgebaut worden. Stunden vor Prozessbeginn standen erste Zuschauer an, um eine der 40 Platzkarten zu bekommen.

Sie erwartet ein Prozess, der kaum spannenderStoff für ein Drehbuch böte: Es geht um Drogenhandel, illegales Glücksspiel, Beamtenbestechung und Körperverletzung.

Familienähnlicher Zusammenhalt

Diese Straftaten soll eine Gruppe begangen haben, die offenbar so eng zusammenhielt wie eine Familie und nach Vorbild der Mafia agierte - mitten in Brandenburgs Provinz. Als so genannte "XY-Bande" hatte der Neuruppiner Drogenring bundesweit Aufsehen erregt. "XY" - diese Buchstabenkombination trugen die Beschuldigten im Alter von 30 bis 43 Jahren in den Kennzeichen ihrer teuren Autos.

Es war ein Zeichen der Verbundenheit - wie die Siegelringe, die sich die vier Rädelsführer der Bande, offenbar unter Leitung des Stadtverordneten Olaf Kamrath, 36, zugelegt haben sollen.

Die Staatsanwaltschaft wirft acht der neun Angeklagten die Bildung einer kriminellen Vereinigung vor, einer soll das Vorhaben nur unterstützt haben. Als der Staatsanwalt die Anklageschrift vorliest, geht ein leises Raunen durch die Zuschauerreihen - als könnten die Neuruppiner noch nicht verstehen, wozu Söhne angesehener Bürger ihrer Stadt in der Lage sind.

Vor acht Jahren sollen die Angeklagten damit begonnen haben, ihr Drogengeschäft aufzubauen. Bis zur Festnahme der Bande im vergangenen August haben die Beschuldigten der Staatsanwaltschaft zufolge vor allem aus dem Handel mit Kokain Erlöse in Höhe von 1,4 Millionen Euro erzielt. Etwa eine Million Euro machten sie mit Gewinnen aus illegalen Glücksspielen.

Geld floss in die Schweiz

Das Geld deponierten sie zum Teil auf Konten in der Schweiz oder tätigten Immobiliengeschäfte in Neuruppin. Konkurrenten sollen sie mit eigenen Schlägertrupps eingeschüchtert haben. Schlüsselfigur Olaf Kamrath muss sich zudem wegen Beamtenbestechung vor Gericht verantworten. Er soll sich Informationen vom Leiter des Grundstücksamtes der Fontane-Stadt erkauft haben.

Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "streng hierarchisch" aufgebauten Gruppe, die sich nach außen abschottete. Für die Anklage ist das ein Ansatzpunkt, um der Gruppe Bandenbildung nachzuweisen. Ob dies gelingt, dürfte die wichtigste Frage im Prozess werden, der in die Justizgeschichte Brandenburgs eingehen wird.

Bei den übrigen Vorwürfen ist die Beweislast erdrückend. In einem früheren Verfahren hat ein Bandenmitglied die nun Angeklagten zum Teil schwer belastet. Gleich zu Beginn forderte die Verteidigung eine Verlegung des Prozesses, weil die Medienberichterstattung zur Vorverurteilung der Angeklagten führe. Dies lehnten die Richter aber ab.

Nun stellen sich Prozessbeobachter auf ein langes Verfahren ein, in dem nach vorläufigen Informationenmehr als 150 Zeugen gehört werden könnten.

© SZ vom 4.5.2005
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