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Bamberg:Tiefer Fall

Auftakt Prozess gegen ehemaligen Bamberger Chefarzt

Im Dienst des Patienten? Silhouette von Dr. Heinz W. im Gerichtssaal.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Ein ehemaliger Chefarzt soll 13 Frauen missbraucht und einige auch vergewaltigt haben. Zum Prozessauftakt in Bamberg weist er die Vorwürfe zurück - und betont ausführlich seine Lebensleistung.

Von Annette Ramelsberger, Bamberg

Der Mann ist eine Koryphäe. Er berichtet von "spannenden Meetings in Mumbai", von der Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft bei der Übertragung von Operationen per Video, und er vergisst nicht zu erwähnen, dass er 2,3 Millionen Euro Fördergelder bekommen hat, für seine Forschung. Sogar auf der Cebit hat er seine Projekte vorgestellt, 90 Operationen per Video gezeigt. Ein Experte also, ausgezeichnet als einer von neun deutschen Venenspezialisten als "Leading Expert". Einer, der nie ruht, nie rastet, immer im Dienst des Patienten. Kann so einer fehlen? Ist nicht alles, was er tut, wissenschaftlich begründet, medizinisch angezeigt?

Nein, sagt Staatsanwalt Bernhard Liebs. Dr. Heinz W., 49, hat nach Liebs' Überzeugung 13 junge Frauen missbraucht und einige von ihnen vergewaltigt. Bei einigen habe er Untersuchungen vorgetäuscht, die Frauen dann betäubt und ihnen Sexspielzeug eingeführt. Davon habe er ohne Wissen der Frauen zahlreiche Bilder gemacht, die auf seinem Computer gefunden wurden. Unter den 13 Frauen ist auch die Patentochter seiner Ehefrau; laut Staatsanwaltschaft habe er sie zu deren 18. Geburtstag in ein Musical nach Bochum eingeladen, sie mit Alkohol abgefüllt, dann im Hotelzimmer entkleidet und mit einer Videokamera gefilmt. Zu ihrem 19. Geburtstag habe er ihr eine Kiste mit Dildos geschenkt.

"Der Angeklagte wollte sich ausschließlich sexuell erregen", sagt der Staatsanwalt beim Prozessauftakt am Dienstag. "Der Angeklagte hat die Taten unter Missbrauch seines Berufes als Arzt und unter Ausnutzung des Vertrauens der Frauen begangen, weshalb die Anordnung eines Berufsverbots unerlässlich ist."

Es ist ein tiefer Fall. Bis August 2014 war Heinz W. honoriges Mitglied der Bamberger Bürgerschaft, verheiratet mit einer Ärztin, Vater von zwei kleinen Kindern, in der Stadt geachtet, die Familie in der katholischen Kirche engagiert. Nun muss er sich anhören, was ihm der Staatsanwalt in immer wiederkehrenden Einzelheiten vorwirft. Wie er seine Patientinnen, die zum Teil nach Operationen noch im Rollstuhl saßen, in seine Ambulanz holte, ihnen ein Medikament spritzte, das sie willenlos machte und ihre Erinnerung ausschaltete, und sich dann in immer gleicher Weise an ihnen verging. Eine der jungen Frauen hat er zwischen 2008 und 2011 gar fünfmal einbestellt. Dreimal war sie derart betäubt, dass sie erst am Tag danach wieder zu sich kam. Die junge Frau sitzt im Gerichtssaal, still, aufmerksam, sie schaut W. an. Einer anderen, einer Medizinstudentin, erklärte der Arzt, er arbeite an einer Studie über Venenleiden, ob sie mitmachen wolle. Auch diese Frau konnte sich danach nicht erinnern, was geschehen war. Sie schöpfte Verdacht, ließ sich noch in der Nacht von ihrem Vater, einem Arzt, Blut abnehmen. Dabei wurde das Hypnotikum gefunden. Am nächsten Morgen wäre es nicht mehr nachweisbar gewesen. Sie stellte Strafantrag.

Seitdem wird ermittelt. "Die Vernichtung von Dr. W. ist in vollem Gang und nicht mehr aufzuhalten", sagt einer seiner drei Verteidiger, Klaus Bernsmann aus Bochum. Erst vor Ostern ist ein Verteidiger abgesprungen. Schon zuvor hatte W. einen Anwalt gewechselt. Nun also Bernsmann, ein Strafrechtsprofessor: Ausschließlich zu medizinischen Zwecken habe Dr. W. die Untersuchungen vorgenommen, "fern aller sexuellen Tendenz". Er habe die hohen Todesraten bei Beckenvenenthrombosen nicht hinnehmen wollen. Das habe ihn bewogen, "neue, ungewöhnliche, für den Laien seltsam anmutende Untersuchungsmethoden" anzuwenden. W. werde über sein Fach und seine Motive sprechen, er wolle sogar, dass eine medizinische Puppe in den Saal gebracht wird, an der er zeigen könne, um welche Problematik es gehe. Auf keinen Fall werde der Mandant Zeuginnen bloßstellen. Er habe eine "makellose, hervorragende Lebensleistung".

Er sei die Leitfigur der Kampagne "Nur Mut zur Chirurgie" gewesen, sagt W.

Und an diesem makellosen Leben lässt der Angeklagte dann auch das Gericht bereitwillig teilhaben. Bundeswehr, Einzelkämpferausbildung, Fallschirmspringer, Leutnant der Reserve. Nachtwachen bei Frischoperierten als Student, schon damals habe er erlebt, sagt er mit trauriger Stimme, wie ein Junge an einer Lungenembolie gestorben sei, das habe ihn bewegt. Dann Praktisches Jahr in der Schweiz, da sei wieder eine Patientin an einer Beckenvenenthrombose gestorben, er habe der dreijährigen Tochter vom Tod berichten müssen. Die Frau damals sei mit herkömmlichen Methoden untersucht worden. "Vielleicht kommt schon daher meine Abneigung gegen solche konservative Untersuchungsmethoden", sagt W.

Dann fing er in Erlangen im Krankenhaus an, wechselte 2005 als Chefarzt nach Bamberg. Nichts lässt W. aus, auch nicht, dass er leitender Notarzt beim Festival "Rock im Park" war. Immer war er gut, besser, der Beste. Er ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, deren Kongress er für 2015 nach Bamberg geholt hat. Und dann sagt er noch: "Ich bin die Leitfigur der Kampagne ,Nur Mut zur Chirurgie' gewesen."

Richter Ralf Schmidt sieht aus, als könne ihn nichts so schnell aus der Ruhe bringen. Während W. spricht, wiegt Schmidt die ganze Zeit den Kopf. Dann, als W. aufhört, sagt er mit einem Anflug von Ungeduld: "Es geht um die Tatvorwürfe. Vielleicht ist weniger mehr."

Das Urteil in diesem Prozess wird nicht vor Ende Mai erwartet.

© SZ vom 08.04.2015
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