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Baden in Corona-Zeiten:"Die meisten ertrinken im Stillen"

Thorsten Lück DLRG

Thorsten Lück (rechts) ist ehrenamtlicher Einsatztaucher bei der DLRG am Starnberger See. Zuletzt stieg die Zahl der Einsätze in Bayern deutlich an.

(Foto: DLRG)

Im Corona-Sommer ist an deutschen Badeseen viel los. Thorsten Lück weiß als ehrenamtlicher Einsatztaucher, wie gefährlich es unter Wasser werden kann - und wie es sich anfühlt, einen Menschen nicht mehr retten zu können.

Interview von Ania Kozlowska

An deutschen Badeseen in diesem Corona-Sommer ganz schön was los. In Bayern etwa ist die Zahl der Badegäste, vor allem in den vergangenen Wochen, um ein Viertel bis ein Drittel höher als in den Vorjahren, schätzt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Auch die Zahl der Rettungseinsätze stieg dort um bis zu 50 Prozent. Die Zahl der Badetoten sank insgesamt im ersten Halbjahr. Von Januar bis Juli gab es in Deutschland 192 Badetote, nach 255 im Vorjahreszeitraum. Grund für den Rückgang sei vor allem das verhaltene Wetter, heißt es von der DLRG. Die meisten Opfer seien Männer. Sie seien manchmal leichtsinniger und spielten den Helden, was dann oft tragisch ende.

Thorsten Lück, 50, weiß, wo die Gefahren im Wasser für Badegäste lauern - und für ihn selbst. Er ist ehrenamtlicher Einsatztaucher bei der DLRG. 30 Jahre ist er dort schon tätig und koordiniert als Landesreferent für den Fachbereich Tauchen am Starnberger See die Einsätze und die Ausbildung. Unter der Woche arbeitet er als Elektrotechniker, am Wochenende und bei Notfällen ist er jederzeit einsatzbereit.

SZ. Die Zahl der Rettungseinsätze steigt. Was macht das Baden so gefährlich im Sommer, Herr Lück?

Thorsten Lück: Manchmal sind die Leute unvorsichtig. Vor allem eine Sprungschicht kann gefährlich werden, also wenn eine warme Wasserschicht auf einer kalten aufliegt. Das Wasser hat dann bis zu zehn Grad Unterschied, das kann zur Atemlähmung führen oder sogar zum Bewusstseinsverlust. Alkohol ist oft der Grund für Übermut und Verletzungen durch Steine oder Felsen im Wasser. Bei älteren Menschen sind oft Vorerkrankungen ein Problem. Durch Corona sind deutlich mehr Urlauber an den heimischen Gewässern unterwegs als in den Vorjahren, dadurch kommt es zu mehr Einsätzen.

Was passiert dann im Wasser?

Die meisten ertrinken im Stillen, ohne dass man es wahrnimmt: Denn nach Hilfe zu schreien, ist auch anstrengend. Besonders bei kleinen Kindern ist das gefährlich. Mit Kindern sollte man daher am Besten an bewachten Badestränden baden und Bescheid geben, wenn man ins Wasser geht. Taucht eine Person nicht mehr auf, werden Rettungsschwimmer sowie Einsatztaucher alarmiert. Am Starnberger See ist das etwa zwei Mal im Monat der Fall. Die Anzahl der tatsächlichen Tauchgänge ist aber weitaus niedriger: Da Vermisste oft noch vor Einsatzbeginn gefunden werden, sind das wenige Taucheinsätze im Jahr.

Sie sind eigentlich Elektrotechniker, Herr Lück. Warum retten Sie am Wochenende ehrenamtlich Menschen?

Als Zehnjähriger habe ich bei der DLRG angefangen, um das Rettungsschwimmabzeichen zu machen. Tauchen wurde für mich eine Passion: Die Stille, die Landschaft unter Wasser, das ist wirklich eine andere Welt. Durch das Ehrenamt kann ich mein Hobby sinnvoll einsetzten und Menschen helfen. Auch wenn nicht jeder Einsatz eine Lebensrettung ist - bei den meisten Unfällen geht es um Schürfwunden, Prellungen oder gekenterte Boote.

Thorsten Lück

Unter der Woche arbeitet Thorsten Lück als Elektrotechniker, am Wochenende und bei Notfällen als ehrenamtlicher Einsatztaucher. Seit 1990 ist er bei der DLRG.

(Foto: DLRG)

Was braucht man als Einsatztaucher?

Körperliche Fitness und geistige Reife. Zudem darf ein Einsatztaucher nicht ängstlich sein: Die Sicht ist schlecht in den Gewässern, in denen wir tauchen. Das ist psychisch sehr belastend. Daher tauchen wir immer an einer Leine, die mit einem Kollegen an Land oder auf einem Boot verbunden ist. Über diese Leine können wir Zeichen austauschen, die wir im Vorhinein verabreden. Ansonsten hat der Taucher nur den Tastsinn.

Mit welchen Gedanken gehen Sie ins Wasser?

Mit der Hoffnung, dass ich die vermisste Person finde und sie wiederbeleben kann. Leider sind wir nicht so schnell wie andere Wasserretter, da viel Vorbereitung notwendig ist: Zunächst müssen wir uns umziehen und einen Tauchplatz einrichten, dann eine Gefährdungsbeurteilung durchführen. Doch spätestens nach fünf Minuten entstehen bleibende Schäden im Gehirn: So sind in den meisten Fällen unsere Einsätze keine Rettungen, sondern Bergungen. Aber das blende ich aus. Für die Angehörigen ist es trotzdem wichtig, dass die vermisste Person gefunden wurde.

Solche Situationen sind aber doch sicher sehr belastend?

Ich persönlich komme psychisch damit gut zurecht. Mir hilft es in solchen Situationen, mit meiner Frau darüber zu sprechen. Die Toten, die wir an Land bringen, sehen nach so kurzer Zeit unter Wasser normal aus. Man muss aber natürlich damit umgehen können, helfen zu wollen, aber es nicht mehr zu können. Aber das gilt für alle Rettungskräfte - auch wenn die Wahrscheinlichkeit bei Rettungsschwimmern wesentlich höher ist, dass eine Person überlebt. Schwierig wird es, wenn man den Vermissten kennt.

War das bei Ihnen schon mal der Fall?

Nein, zum Glück nicht. Aber die Sorge, dass Freunden etwas passiert ist, ist da - vor allem, weil viele von ihnen Hobbytaucher sind. Am Starnberger See kommt es vor allem zu Tauchunfällen, an anderen Seen eher zu Badeunfällen. Da der Starnberger See bis zu 120 Meter tief ist, kann es mehrere Stunden dauern, bis wir jemanden finden.

Wie gefährlich ist das Tauchen?

Der Mensch ist nicht fürs Tauchen gemacht, deshalb nehmen wir viel Technik mit unter Wasser: vor allem die Atemluft und den Atemregler. Beides kann versagen. Zum Beispiel, wenn ich intensiv arbeite, weil ich jemanden rette, und viel Luft verbrauche, kann das zu einer Vereisung des Atemreglers führen. Hinzu kommt, dass der Druck unter Wasser erhöht ist: Die Luft, die ich einatme, besteht zu 80 Prozent aus Stickstoff und sättigt den Körper auf. Das kann zu Tiefenrausch führen, deswegen tauchen wir im Einsatz nie tiefer als 30 Meter. Aber letztendlich ist das alles eine Trainingsfrage.

Was war der Einsatz, der Sie bisher am meisten geprägt hat?

Einmal sind wir zu einem Einsatz gekommen, bei dem ein Hobbytaucher mit seiner Lebensgefährtin im Wasser war. Er hat Schwierigkeiten bekommen, seine Frau hat es nicht mehr geschafft, ihn hochzuholen. Sie ist alleine aufgetaucht und hat uns alarmiert. Wir waren zwar sehr schnell vor Ort, aber der Mann war schon 20 Minuten unter Wasser, da kam jede Hilfe zu spät. Dieser Vorfall hat mir gezeigt, wie schnell ein tödlicher Unfall passieren kann, obwohl sie zu zweit unterwegs waren. Tauchen muss regelmäßig geübt werden. Solche Vorfälle bringen einen dazu, über sein eigenes Tauchverhalten nachzudenken - und die Verantwortung, die man als Einsatzleiter trägt.

© SZ/afis/vwu
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