Süddeutsche Zeitung

Bademeister:"Wir werden zu einem Volk von Nichtschwimmern"

Bademeister Peter Harzheim über das Schwimmbadsterben, den Personalmangel am Beckenrand und seine Konsequenzen.

Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister, ist 63 Jahre alt und seit 45 Jahren als Bademeister tätig. Im kommenden Jahr geht er in Rente, würde den Beruf des Bademeisters aber sofort wieder ergreifen. "Weil es Spaß macht, das Leuchten in den Augen der Badegäste zu sehen", sagt er. Und nicht nur wegen der Kinder. Zu seinen Lieblingsgästen zählt er zwei Senioren mit 91 und 93 Jahren, die zwar nur mit Rollator gehen können, sich im Wasser aber pudelwohl fühlen.

Sommer, Hitze, bestes Badewetter. Doch Deutschlands Schwimmbäder haben ein Problem ...

Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir vom Bundesverband Deutscher Schwimmmeister schätzen, dass mindestens 2500 Bademeister bundesweit fehlen, vielleicht sogar noch mehr.

Interview am Morgen

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Warum fehlen denn so viele Bademeister?

Da gibt es mehrere Gründe. Etwa, dass der Beruf des Bademeisters in der Öffentlichkeit schlecht angesehen ist. Nach dem Motto: Was macht der schon? Der steht ja nur am Beckenrand und schaut den Jungen beim Baden zu. Zur eigentlichen Arbeit des Schwimmmeisters gehört aber wesentlich mehr. In der dreijährigen Ausbildungszeit wird entsprechendes Fachwissen vermittelt etwa zur Wasseraufbereitung, zur Pumptechnik und zu Lüftungsanlagen. Wir sind außerdem Ersthelfer, Diplomaten, Psychiater und ganz wichtig: Wir sind Schwimmlehrer.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hat sogar eine Kampagne gegen das Schwimmbadsterben gestartet.

Ganz so schlimm wie diese Kampagne tut, ist es nicht. Aber es stimmt schon, laut dem Bäderatlas gibt es bundesweit etwa 6000 Bäder, Anfang des Jahrtausends waren es noch 7000 Bäder. Was mir mehr Sorgen macht, sind die eingeschränkten Öffnungszeiten in vielen Bädern. Die öffnen später und schließen früher, oder haben nur an fünf statt sieben Tagen geöffnet, weil es wegen des Personalmangels nicht anders geht. Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird das schlimme Konsequenzen auch für unsere Kinder haben.

Welche Konsequenzen?

Die Kinder von heute lernen ja kaum mehr richtig schwimmen. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Wenn es so weitergeht, werden wir zu einem Volk von Nichtschwimmern. Denn die Bademeister stehen nicht nur am Beckenrand, die geben ja auch Schwimmkurse. Eine vom DLRG in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage hat ergeben, dass 59 Prozent der Zehnjährigen nur ungenügend schwimmen können. Auch in der Grundschule lernen die Kinder nicht mehr schwimmen, weil das Personal fehlt. Und diese Studie betrifft nur deutsche Mitbürger. Seit 2015 sind noch die Flüchtlinge hinzugekommen, bei denen noch ein viel größerer Nachholbedarf beim Schwimmenlernen besteht. Unsere Kollegen mussten in den vergangenen Jahren jedenfalls wesentlich öfter ins Wasser springen als früher.

Die Arbeitsbedingungen eines Bademeisters sind aber auch eher abschreckend ...

Das ist richtig. Wir arbeiten von morgens bis abends, am Wochenende, am Feiertag. Also genau zu den Zeiten, in denen andere frei haben und am Chillen sind. Im Sommer werden Überstunden ohne Ende angesammelt, die dann im Winter abgefeiert werden. Wobei Bademeister im Winter oft im Bauhof oder im Ordnungsamt der Kommune arbeiten müssen, um auf ihre Jahresstundenzahl zu kommen. Laut Gesetz dürfen wir freilich nicht mehr als zehn Stunden am Tag und 48 Stunden in der Woche arbeiten. Und Überstunden sollen immer regelmäßig abgebaut werden. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.

Also nicht ganz familienfreundlich dieser Beruf?

Genau. Vor allem, weil mittlerweile fast die Hälfte der Bademeister Frauen sind. Wie soll man da eine Familie gründen, wenn man solche Arbeitszeiten hat? Der Job muss wesentlich familienfreundlicher werden!

Wie viel verdient denn ein Bademeister?

Die Kollegen in den öffentlichen Bädern werden seit 2017 nach Tarifvertrag bezahlt und bekommen als Einstiegsgehalt 2415 Euro brutto. Dann geht es hoch bis 3000 Euro brutto. Bei privat geführten Anlagen verdienen Schwimmmeister unter Tarif und gehen oft unter 2000 Euro brutto nach Hause. Das ist sehr mangelhaft, wie soll man davon eine Familie ernähren? Und dann gibt es sogar noch Kollegen, die nur über die Sommermonate beschäftigt sind und sich über die Wintermonate arbeitslos melden müssen.

In manchen Bädern springen Studenten am Beckenrand ein. Könnte man das nicht ausbauen?

Früher haben das gerne die Sportstudenten, die den "silbernen Rettungsschwimmer" hatten, gemacht. Aber heute haben die Studenten keine Zeit mehr für so etwas, die müssen möglichst schnell ihr Studium absolvieren. Die fehlen uns natürlich!

Haben sich die Kommunen in der Vergangenheit nicht rechtzeitig um die Ausbildung von Nachwuchs gekümmert?

Allerdings - und das rächt sich jetzt. Und es wird Jahre dauern, bis sich die Situation wieder ändert.

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