Süddeutsche Zeitung

"bacha posh" in Afghanistan:Ein falscher Sohn ist besser als keiner

Kurze Haare, kurze Hosen: In Afghanistan verkleiden Mütter ihre Mädchen als Söhne - für mehr Freiheit und Sicherheit, manchmal auch für die eigene Karriere. Nun ist ein Buch über die "bacha posh" erschienen.

Einen Drachen steigen lassen? Für viele Mädchen in Afghanistan unmöglich. Genau wie schnell rennen, laut lachen oder auf einem Bein hüpfen. Die sechsjährige Mahnoush darf das. Darf allein das Haus verlassen. Darf mit Jungen sprechen und bei ihrem Vater und seinen Freunden sitzen. Sie darf fremden Menschen in die Augen schauen. Und den Drachen im Wind flattern lassen. Der Preis, den sie dafür zahlt, ist hoch: Mahnoush darf nicht mehr Mahnoush sein. Sie ist jetzt Mehran, ein Junge, ein "bacha posh".

In Afghanistan wird bacha posh ein Kind genannt, das weder Sohn noch Tochter ist. Ein Mädchen, das als Junge aufwächst. Die Verwandlung ist einfach: Kurze Haare, kurze Hosen und schon ist aus der Tochter ein Sohn geworden. Nun ist erstmals auf Deutsch ein Buch über dieses Phänomen erschienen. Die schwedische Autorin und Journalistin Jenny Nordberg beschreibt in "Afghanistans verborgene Töchter" sehr eindrücklich, was es bedeutet, als Mädchen in Afghanistan aufzuwachsen. Oder als falscher Sohn.

In zahlreichen Porträts erzählt sie über ein Land, in dem Frauen verdammt sind, zu Hause zu sitzen. In dem Männer die Entscheidungen treffen und häusliche Gewalt 90 Prozent der Straftaten gegen Frauen ausmacht. In dem Söhne für ihre Eltern Beschützer, Altersvorsorge und Bank in einem sind. Und Töchter eine Demütigung, ein Versagen, ein Makel für die Mutter, die keinen Sohn zur Welt bringt.

Die Magie eines bacha posh

Nordberg, Gewinnerin des Pulitzerpreises, war 2009 erstmals in Kabul für eine Dokumentation über Frauen. Als sie einen Beitrag über die Parlamentsabgeordnete Azita in Kabul dreht, lernt sie deren vier Kinder kennen. Drei Töchter und Sohn Mehran, der auch ein Mädchen ist. Nordberg beginnt zu recherchieren. Doch Experten und Hilfsorganisationen haben von dem Phänomen bacha posh noch nie gehört: Die Afghanen verkleideten ihre Töchter nicht, hört sie immer wieder. Die Geschlechtertrennung gehöre zu den striktesten der Welt, so etwas sei undenkbar. Sogar gefährlich.

Nordberg recherchiert trotzdem weiter. Und sie findet weitere bacha posh. In den nächsten Jahren kommt sie immer wieder nach Afghanistan zurück - manchmal für mehrere Monate. Sie nutzt, dass sie als weibliche Korrespondentin in einer konservativen Umgebung einen Vorteil hat: Zugang zu Männern und zu Frauen. Sie baut Vertrauen zu den Mädchen auf und lässt sich ihre Geschichten erzählen. Sie trifft die zehnjährige Niima, die vormittags mit Kopftuch in der Schule sitzt und nachmittags als Junge verkleidet in einem Geschäft aushilft. 1,30 Dollar verdient Niima am Tag und ernährt so ihre Mutter und ihre acht Schwestern.

Die Autorin schreibt über die achtjährige Shubnum, deren Mutter sich vom gewalttätigen Vater getrennt hat und die als alleinstehende Frau mit einem Sohn auf mehr Sicherheit hofft. Und über Esmaeel, der wirklich ein Junge ist, dessen Mutter aber glaubt, dass er durch göttliche Intervention in die Familie kam. Nachdem sie die sechste Tochter als Junge ausgegeben hatte. Von Freundinnen und Nachbarinnen hatte die Frau gehört, ein bacha posh würde Glück bringen.

"Jeden Tag frage ich mich, ob es richtig ist"

Die Kabuler Abgeordnete Azita glaubt nicht an Magie. Sie hofft, dass Mahnoush durch ihre Kindheit als Junge zu einer selbstbewussteren Frau wird. Und sie denkt an ihre Karriere. Immer wieder sei sie gefragt worden, wie sie sich als Politikerin durchsetzen wolle, wenn sie ihrem Mann nicht einmal einen Sohn schenken könne. Mehran hat dieses Problem gelöst. Natürlich kennen manche Wähler die Wahrheit, sagt Azita. Aber auch die hätten gratuliert. Ein falscher Sohn sei in Afghanistan eben immer noch besser als keiner. Wie es ihrer Tochter damit geht? Das beschäftigt auch die Mutter: "Jeden Tag frage ich mich, ob es richtig ist."

Wie viele bacha posh gibt es in Afghanistan? Darauf hat auch Nordberg keine Antwort. Sie seien eine Minderheit, aber sie seien nicht ungewöhnlich, sagt sie. In Nachbarländern wie Indien, wo es Ultraschall gibt, würden Mädchen abgetrieben. In Afghanistan, wo man sich das nicht leisten kann, müssten andere Tricks herhalten. Bacha posh sei deshalb eine akzeptierte Praxis - vorausgesetzt das Kind wird vor der Pubertät "zurückverwandelt". Eine Jugendliche muss sich von Jungs fernhalten, um unbescholten in die Ehe zu gehen.

Doch welche Auswirkungen hat so eine Verwandlung auf die kindliche Psyche? Nordberg fragt sich das immer wieder. Das Angenehme an ihrem Buch ist: Sie urteilt nicht, verurteilt nicht. Sie lässt ihre Protagonisten für sich sprechen. Und sie findet ganz unterschiedliche Antworten: Obwohl sich keines der Mädchen ausgesucht hat, ein Junge zu sein, sagen die meisten, dass sie diesen Status genießen. Die Probleme beginnen oft erst, wenn sie sich wieder zurück verwandeln sollen. Die 15-jährige Zahra zum Beispiel steckt in einer Identitätskrise. Sie weigert sich, wieder Frau zu sein. Ein Bürger zweiter Klasse, wie sie sagt.

"Du bist bereits ein Mann"

"Afghanistan ist noch immer eines der Länder der Welt, die Frauen am meisten unterdrücken", sagt Nordberg. Verändert habe sich durch den Krieg der USA und Sturz der Taliban für die Mehrheit der Frauen nur wenig. Das wird auch klar, wenn Nordberg erwachsene Frauen trifft, die immer noch als Männer leben. Nader etwa, die Fahrerin ist, und - wenn sie sich nicht verkleidet - am Steuer bedroht wird. Inzwischen hat sie Asyl in Europa bekommen. Oder Shahed, die bei der Polizei arbeitet. Nordberg fragt sie, ob sie aus ihr, der schwedischen Autorin, auch einen Mann machen könne. Doch Shahed lacht nur: "Du bist bereits ein Mann."

Ein Mann sein, das heißt für viele bacha posh: frei sein. Durch den Krieg habe sich nur wenig für eine kleine Elite gebildeter Frauen in den großen Städten geändert, sagt Nordberg. Die bacha posh sind für sie deshalb Zugeständnis und Widerstand zugleich. Sie sind tragische Figuren und doch lassen sie hoffen, dass sich Frauen irgendwann nicht mehr als Männer verkleiden müssen, um einen Drachen steigen zu lassen.

Die Schlussbemerkung der Autorin allerdings gibt wenig Hoffnung, dass es bald soweit ist: Azita hat inzwischen ihren Job im Parlament verloren. Ihr Mann schlägt sie erneut, ihre Nebenfrau akzeptiert Mehran nicht, hat aus ihr wieder Mahnoush gemacht. Ein Mädchen ohne Drachen.

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