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Australien:"Wir haben den Freitag unter einer Rauchglocke verbracht"

Der Rauch steht über dem Ort, es riecht verbrannt und die Kinder können nicht raus. Der Wind verteilt den Rauch über den Süden Australiens (Symbolbild)

(Foto: Sean Davey/AFP)

Die Deutsche Nicole Leopold lebt in Australien. Sie erzählt, wie es ihr mit dem Feuer ergeht - und warum ihr Mann bei der Freiwilligen Feuerwehr Brände mit Bränden bekämpft.

Nicole Leopold lebt seit 2006 hauptsächlich in Australien. Die 41-Jährige kommt ursprünglich aus Magdeburg und wohnt inzwischen mit ihrem Lebensgefährten und zwei kleinen Kindern südlich von Melbourne auf der Mornington Peninsula in Victoria, wo wegen der Brände erstmals in der Geschichte des Bundesstaates der Notstand ausgerufen wurde.

SZ: Frau Leopold, was bekommen Sie von den Buschbränden im Südosten Australiens mit?

Nicole Leopold: Nicht weit von uns entfernt, etwa vier Stunden östlich, liegt das Naturschutzgebiet East Gippsland. Durch den heißen Wind wird der Rauch über den Süden des Landes getragen. Wir haben den Freitag unter einer Rauchglocke verbracht. Es hat verbrannt gerochen und ich konnte die Kinder nicht rauslassen, weil das auf die Lungen geht. Außerdem sind am Freitagabend die ersten von etwa 1500 Menschen aus Mallacoota angekommen. Sie waren am Strand eingeschlossen und viele wurden per Schiff auf die Peninsula gebracht. Sie konnten kaum Sachen mitnehmen und haben fast alles verloren.

Nicole Leopold

Nicole Leopold lebt seit Jahren in Australien. Die Brände seien mit Feuern in Deutschland nicht zu vergleichen.

(Foto: privat)

Wie ist die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung?

Sehr groß. Die ganze Region hier hat in den letzten Tagen Lebensmittel, Hygieneartikel, Spielzeug und Klamotten gesammelt. Ein junges Mädchen der lokalen Feuerwehr hat eine beeindruckende Aktion gestartet und Truckladungen voller Tierfutter, etwa für Hunde, Kängurus und Wombats gesammelt, die am Wochenende nach Gippsland gebracht werden sollen.

Ihr Partner ist bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv und war in den vergangenen Tagen auch in Gippsland im Einsatz. Wie ist der Einsatz abgelaufen?

Er ist kurz vor Neujahr ausgerückt und hat dann immer in der Nacht gearbeitet, weil das Feuer da mehr zu sehen ist. Tagsüber sieht man nur Rauch. Sie haben eine Fläche zugewiesen bekommen, auf der sie versuchen, das Feuer zu kontrollieren oder zu verlangsamen. Löschen ist in dieser Größenordnung einfach nicht mehr möglich. Das Feuer hier ist anders als in Deutschland. Es ist schneller, heißer und es springt. Das ist der Knackpunkt. Um das große Feuer herum sind auf der Landkarte ganz viele kleine Feuer zu sehen, sogenannte spotting fire. Das kommt von der heißen Asche, die durch die Luft verteilt wird. Die Feuerwehrleute haben Schneisen gepflügt, um das zu stoppen, aber das Feuer springt einfach über die Schneisen oder Highways drüber.

Ist es ein aussichtsloser Kampf gegen die Flammen?

Es geht viel um Kontrolle und darum, Informationen zur Größe, Geschwindigkeit und Richtung des Feuers zu sammeln. Die Feuerwehrleute helfen auch bei der Evakuierung und Verpflegung von eingeschlossenen Menschen. Wenn der Wind nicht ganz so stark ist, können sie selbst kleinere Brände legen und versuchen, das große Feuer in Richtung dieses Gebietes zu steuern. Aber noch ist das Feuer absolut nicht unter Kontrolle.

Und für das Wochenende werden nochmal hohe Temperaturen erwartet.

Und auch starke Winde, die das Feuer so richtig antreiben werden. Die Hauptbrandsaison hat gerade erst angefangen. Die richtig heiße Phase steht uns in unserer Region erst noch bevor.

Die Regierung in Victoria hat zum ersten Mal den Notstand ausgerufen. Sie fordert die Bewohner auf, die Feuergebiete zu räumen. Können Sie nachvollziehen, wenn Menschen die gefährdeten Regionen nicht verlassen wollen?

Eigentlich nicht. Aber manche Familien bestellen ihr Land seit Generationen und haben damit auch viele Erinnerungen verknüpft. Sie leben seit Jahrzehnte mit dem Feuer und konnten ihre Farmen immer trotzdem beschützen. In den letzten Jahren ist es allerdings schwieriger geworden.

Inwiefern?

Früher konnten Farmer ihre Kühe und Schafe in Naturschutzgebieten mit großen Wäldern weiden lassen. Die haben das ganze Unterholz weggefressen und dadurch die Gefahr für ein richtig großes, heißes Feuer deutlich gesenkt. Inzwischen sind die Gebiete komplett abgeschlossen und das Unterholz ist seit Jahren gewachsen. Die Vegetation in Australien ist normalerweise auf Brände ausgerichtet. Die Blätter und ein bisschen von der Rinde werden verbrannt und nach einer Woche unter der Asche sprießen neue grüne Sprossen. Das ist hier der natürliche Kreislauf. Aber durch das ganze Unterholz gerät das außer Kontrolle. Das hat dem Feuer richtig Brennstoff gegeben.

Also war der Naturschutz in diesem Fall kontraproduktiv?

Viele Menschen hier denken so. Sie sind nicht der Meinung, dass das dem Klimaschutz zu Gute kommt. Im australischen Frühling, also im September und Oktober, wenn es noch relativ feucht und nicht zu warm ist, schlagen die Farmer an den Grenzgebieten ihres Landes eine Schneise, sodass zum Beispiel ein Grasfeuer nicht auf anderes Land überspringen kann.

Andere machen die Kohlepolitik des australischen Regierungschefs Scott Morrison für die Brände verantwortlich. Ihm wird ein zu schwaches Engagement gegen den Klimawandel vorgeworfen. Geben Sie ihm eine Mitverantwortung für die Krise?

Momentan sind die Gemüter natürlich sehr erhitzt. Er hat viel Kritik einstecken müssen. Der Vorwurf wird von vielen Leuten aus den Brandgebieten gemacht. Ich selbst möchte mich da enthalten.

© SZ.de/afis
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