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Proteste in Baltimore:Diskussion über Missstände findet so gut wie nicht statt

Baltimore gilt nach wie vor als heroin capital of the USA mit angeblich fast zehn Prozent der Bevölkerung, die regelmäßig diese Droge konsumieren. Dieses Geschäft wird von den Gangs, wie den "Bloods" oder "Crips", kontrolliert. Aber deren Ehrgeiz geht weit darüber hinaus: Sie binden Jugendliche schon früh in ihr Geschäft; so werden junge Menschen häufig Opfer von Schießereien. 2013 waren 13 Prozent der Todesopfer bei Schießereien jünger als 20 Jahre, und weitere 40 Prozent hatten noch nicht das 30. Lebensjahr erreicht.

Diese soziale Struktur lässt wenig Spielraum für die Entwicklung speziell der männlichen Schwarzen, und so ist es nicht verwunderlich, das 33 Prozent der schwarzen Männer zumindest einmal im Leben in einem Gefängnis einsitzen. Ihnen gegenüber steht eine Polizei, die durch ungerechtfertigte Übergriffe aufgefallen ist, permanent durch die hohe Kriminalitätsrate überfordert ist und bei der schwarzen Bevölkerung jeglichen Respekt verloren hat.

Doch die Diskussionen über diese Missstände finden so gut wie nicht statt. Die alltäglichen Brutalitäten werden in Baltimore schon lange nicht mehr wahrgenommen. Als erschreckendes Beispiel dafür mögen die etwa 17 Schießereien und vier Morde gelten, die seit den Aufständen am Montag in dieser Stadt passiert sind.

Keine Rückkehr zur Normalität

Während die Fernsehteams aufmerksam jede Bewegung verfolgen, geht das "normale" Leben in Baltimore also unverändert weiter, und auch die öffentliche Verlesung der Anklagen gegen die sechs an dem Tod von Freddie Gray beteiligen Polizisten kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es weder eine Einsicht in die generellen Missstände noch Ideen für deren Lösungen gibt.

Bekannte farbige Persönlichkeiten von Jesse Jackson bis zu Präsident Obama scheinen als Führungsfiguren für die schwarze Minderheit ungeeignet zu sein, da sie selbst schon seit Jahren zum Establishment gehören. Sie haben mit den Problemen in Städten wie Baltimore genauso viel gemeinsam wie jeder Weiße aus den wohlhabenden Vororten.

Es wird daher Zeit, einen Schnitt zu machen, die Vergangenheit von der Sklaverei bis zur Rassentrennung für einige Zeit zu vergessen und die Probleme in Baltimore als das zu betrachten, was sie sind: soziale und humanitäre Katastrophen. Nichts wäre aus meiner Sicht mehr wünschenswert, als dass Baltimore nach den aktuellen Protesten eben nicht zur "Normalität" zurückkehrt und endlich konsequent gegen das Elend in der Stadt vorgeht.

© SZ vom 04.05.2015

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