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US-Strafrecht:Woher der Wunsch nach harten Sanktionen kommt

Doch warum sollte das häufige Schlagen von Kindern durch Eltern und Lehrer dazu beitragen, dass eine Gesellschaft besonders hohe Strafbedürfnisse und rassistische Tendenzen entwickelt? In Deutschland wurden in den vergangenen 20 Jahren hierzu viele Untersuchungen durchgeführt. Sie konnten etwas deutlich belegen.

Schlagende Eltern vermitteln ihren Kindern zwei klare Botschaften. Erstens: Strafe muss sein. Zweitens: der Stärkere darf und soll sich mit Gewalt durchsetzen. Im Grunde wird so das Selbstkonzept einer autoritären Persönlichkeit gefördert, die ein möglichst hartes Strafrecht fordert.

Hinzu kommt: Wer mit viel Schlägen und wenig Zuwendung groß geworden ist, entwickelt ein buchstäblich angeschlagenes Selbstbewusstsein. Solche Menschen sind häufig von Misstrauen und Angst geprägt. Auch das stärkt bei ihnen den Wunsch nach harten Abschreckungsstrafen. Zudem fühlen sie sich durch fremde, andersartig aussehende Menschen eher bedroht. Das aber schafft einen Nährboden für Rassismus.

Eltern, die auf Schläge völlig verzichten, sind hingegen darauf angewiesen, ihren Kindern die Befolgung von Regeln durch geduldiges Erklären und durch Vorbild zu vermitteln. Im Vordergrund steht die beharrliche und liebevolle Kommunikation über richtiges und falsches Verhalten. Eine derartige Erziehung fördert zwischenmenschliches Vertrauen, Toleranz und Empathie.

Unsere Untersuchungen zeigen ferner, dass solchermaßen geprägte Menschen eher ein maßvolles Strafrecht bevorzugen, in dem das Ziel der Wiedereingliederung des Täters in die Gemeinschaft hohe Bedeutung hat.

"Mehr Liebe, keine Hiebe"

In den vergangenen Monaten hatte ich durch eine Gastprofessur Gelegenheit, diese in Europa erarbeiteten Erkenntnisse an amerikanischen Universitäten zur Diskussion zu stellen. Dabei musste ich erkennen, dass unsere Forschungsbefunde ein Defizit aufweisen. Sie wurden nicht im Lande selbst erarbeitet.

Deshalb können sie dort nicht die nötige Überzeugungskraft entfalten. Aus diesem Grund haben wir damit begonnen, am John-Jay-College, New York, die hier dargestellten Zusammenhänge durch eine in den USA durchgeführte Untersuchung zu überprüfen.

Die beiden Kollegen Lila Kazemian und Eric Piza ziehen hierzu gemeinsam mit mir auch den öffentlich zugänglichen GSS-Datensatz heran. Bereits unsere ersten Auswertungen haben einen problematischen Befund erbracht. Je jünger die Befragten des Jahres 2014 sind, umso öfter haben sie sich dafür ausgesprochen, Kinder durch Schläge zu disziplinieren (Senioren zu 64 Prozent, 18-29-Jährige zu 75 Prozent).

Sollten diese Einstellungen auch die Erziehungspraxis junger Eltern prägen, könnte das die Strafbedürfnisse der Amerikaner weiter stabilisieren. Deshalb streben wir an, gestützt auf die Forschungsbefunde zumindest in den liberalen Bundesstaaten eine öffentliche Debatte über die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts in Gang zu bringen. Wenn sich die Erziehungskultur in Richtung auf "Mehr Liebe, keine Hiebe" ändern sollte, kann man hoffen, dass auch das Bedürfnis nach harten Kriminalstrafen deutlich sinkt.

© SZ vom 11.08.2015/frdu

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