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Ausschreitungen in Rio de Janeiro:Die Gewalt erreicht das Touristenviertel

Ein Mann wurde getötet, ein Zwölfjähriger von einer Kugel verletzt: 50 Tage vor der Fußball-WM eskalieren die Proteste in Rio de Janeiro und erreichen auch das beliebte Stadtviertel Copacabana. Ausgelöst wurden die Straßenschlachten durch den rätselhaften Tod eines Tänzers.

  • Ein 30-Jähriger stirbt bei Zusammenstößen in Rios Stadtviertel Copacabana
  • Vor der Fußball-WM in Brasilien entfacht der Tod des Tänzers neue Proteste
  • Die Polizei verfolgt eine Politik der "Befriedung"

Ein Toter bei gewaltsamen Zusammenstößen

Bei heftigen Straßenschlachten zwischen einigen hundert Demonstranten und der Polizei in Rio de Janeiro ist am Dienstag ein Mann erschossen worden. Der etwa 30-Jährige wurde nach einem Kopfschuss in ein Krankenhaus gebracht, wo er seiner Verletzung erlag. Wer den Schuss abgab, ist noch unklar. Die spanischsprachige Nachrichtenagentur EFE berichtet, dass außerdem ein Zwölfjähriger von einer Kugel am Kopf getroffen wurde. Dafür gibt es jedoch keine Bestätigung. Im Touristenviertel Copacabana setzten Protestierende am Abend Barrikaden in Brand, die Polizei sperrte mehrere Straßen. Augenzeugen berichten von Autos, die in Flammen standen. "Da war überall Rauch, Schüsse in den Straßen, die Menschen flüchteten sich in ihre Häuser", sagte ein Anwohner der Nachrichtenagentur AFP. Anwohner berichteten, die Polizei habe Elektrizität und Internetverbindungen im Viertel lahmgelegt. Dem Nachrichtenportal G1 de Globo zufolge wurden mehrere Geschäfte und Einrichtungen in der Gegend beschädigt, darunter eine Privatklinik in einer belebten Gegend von Ipanema, einem der teuersten Stadtteile der Metropole.

Der Auslöser der Proteste

Angefacht wurden die neuerlichen Proteste durch den Tod eines 25-Jährigen. Die Leiche des Berufstänzers wurde am Dienstag - nach variierenden Angaben in einem Schulgebäude oder einer Kindertagesstätte - in der Favela Pavão-Pavãozinho gefunden. Der Mann soll in dem bekannten TV-Format "Esquenta" des Senders Globo mitgewirkt haben und nebenbei als Fahrer eines Motorradtaxis in dem Armenviertel gearbeitet haben, wo er auch lebte. Angehörige und Freunde des Mannes beschuldigen die Polizei, ihn zu Tode geprügelt zu haben. Die Mutter des Toten berichtet, der Körper ihres Sohnes habe Spuren von Folter aufgewiesen. Brasilianische Medien berichten, die Einsatzkräfte hätten den jungen Mann fälschlicherweise für einen Drogendealer gehalten. Die Ermittler teilten indes mit, dass seine Leiche keinerlei Einschüsse aufwies und eine vorläufige Obduktion ergeben habe, dass seine Verletzungen mit denen eines "Sturzes" übereinstimmten. .

Das Stadtviertel Pavão-Pavãozinho

Die Favela liegt an den Hängen der Hügel, die das Touristenviertel Copacabana von dem berühmten Strand Ipanema und dem gleichnamigen Viertel trennen, einem der teuersten der Stadt. Gemeinsam mit dem benachbarten Cantagalo zählt die Gegend etwa 10 000 Einwohner. 2009 brachte die Polizei das Viertel im Zuge der "Befriedungspolitik" der Stadtverwaltung unter ihre Kontrolle. Der Posten der örtlichen Friedenspolizei UPP sei in der Vergangenheit Ziel von Angriffen durch Drogenbanden gewesen, zitiert EFE Sprecher der Militärpolizei.

Die Vorgeschichte

In den vergangenen Monaten kam es in Brasilien immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und der Zivilbevölkerung. So gingen am Wochenende viele Menschen nach dem Tod eines 21-Jährigen in Niterói auf die Straße, in der vergangenen Woche war es während eines zweitägigen Polizeistreiks in Salvador de Bahia zur Eskalation gekommen. Mindestens 39 Menschen starben. Am 12. April hatte der Tod eines jungen Mannes in den Favelas von Maré im Norden Rios ebenfalls gewaltsame Proteste ausgelöst.

Die Hintergründe

Im Vorfeld zweier sportlicher Weltereignisse - der Fußball-Weltmeisterschaft von 12. Juni bis 13. Juli und den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 - geht die brasilianische Polizei in den Armenvierteln der Metropolen verstärkt gegen Kriminelle und Drogenbanden vor und versucht, Favelas unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Operationen sollen dazu beitragen, dass sich die 600 000 internationalen Besucher, die allein zur Weltmeisterschaft im Land erwartet werden, sicherer fühlen. Bei den oft mit harter Hand geführten "Befriedungs"-Aktionen kommen aber auch immer wieder Unbeteiligte zu Tode. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sterben in Brasilien jährlich 2000 Leute durch Polizeigewalt.

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© Süddeutsche.de/AFP/leja
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