Aushangzettel Die Stadt spricht

Twitter? Facebook? Oder Instagram? Nichts ist besser als die guten, alten Zettel, die man immer noch an vielen Bäumen und Laternen findet. Über ein Phänomen, das heute mehr denn je lebendig ist.

Von Thomas Hahn

Es begann damit, dass ein Ampelpfosten zu ihr sprach. Zumindest kam es Frauke Lüpke-Narberhaus so vor, als spreche er, denn auf einem Zettel, der am Pfosten befestigt war, stand in Fettdruck: "Hessische Perle". Frauke Lüpke-Narberhaus, 32, konnte selbst nicht gemeint sein, sie kommt nicht aus Hessen, sie arbeitet als Journalistin in Hamburg. Aber die Ansprache interessierte sie. Sie las weiter: "Ich habe dich am Samstagabend vor dem Völkerkundemuseum angesprochen und zum ersten Mal in Dein wunderschönes Gesicht geschaut. (. . .) Bitte melde Dich." Darunter stand die Handy-Nummer von einem Jonas. Frauke Lüpke-Narberhaus fotografierte den Zettel und trug ihn mit sich herum, wie den Anfang einer Geschichte, die noch erzählt werden muss. Sie achtete mehr auf die Zettel der Stadt. Und beschloss, einen Blog darüber zu machen: "Zettelgold". Irgendwann rief sie bei Jonas an.

Aus der Begegnung mit dem sprechenden Pfosten ist ein Buch geworden. "Herz verloren - Hund gefunden. Zettel und ihre Geschichten", heißt es. Es erscheint kommende Woche und besteht aus Geschichten und Gedanken zu Zetteln, die Frauke Lüpke-Narberhaus über drei Jahre im ganzen Land gefunden hat. "Anhand dieser kleinen Zettel lernt man oft viel mehr über die Gesellschaft, als wenn man immer mit diesem großen journalistischen Anspruch rangeht", sagt sie. Journalisten suchen das Bedeutende und Außerordentliche. Aber der Alltag ist ein Mosaik aus Normalitäten. Wer sich für die Brüche und Dramen in diesem Alltag interessiert, tut wahrscheinlich wirklich gut daran, sich von den Zetteln leiten zu lassen, die an Laternen, Wänden oder sonstwo hängen.

Das Medium Zettel ist eines der Dinge, die einfach nicht rauszukriegen sind aus dem Leben der Menschen, obwohl der Fortschritt sie längst fortgespült haben könnte. Das Internet ist heutzutage die Börse für jede erdenkliche Befindlichkeit. Man twittert, um einen Gedanken mit der Masse zu teilen. Man tindert auf der Suche nach Liebe. Aber für alles ist das Internet eben doch kein Ersatz. Manchmal ist das Anliegen zu persönlich und zu gezielt für den unendlichen virtuellen Raum.

Ein Nachbar fühlte sich mal in seiner Nachtruhe gestört. Er wollte, dass seine Beschwerde Nachdruck bekommt und an die richtige Adresse gerät. Also pinnte er einen abgerissenen Zettel ans Schwarze Brett des Wohnhauses, auf dem er vorher mit Kugelschreiber notiert hatte: "Lieber Nachbar, könntet ihr bitte den Sex zu normalen Zeiten haben? Um 3.00 Uhr und um 5.00 Uhr würde ich gerne schlafen."

Zettel sind eine Errungenschaft der Städte. "Auf dem Dorf gibt es kaum Zettel", sagt Lüpke-Narberhaus. "Man wirft der Großstadt immer vor, sie sei anonym, sie würde nicht kommunizieren. Aber das stimmt nicht. Sie kommuniziert nur anders. Eben auch über Zettel." Zettel sind das Mittel, um die Anonymität zu überwinden, aber ein Zettelschreiber braucht die Anonymität auch. Wie der Mann, der an einen Geldautomaten die Nachricht hinterließ: "Großzüg. Er sucht nette Freundin (auch gern Urlaub)." In der Stadt fällt niemandem auf, wer genau aus der Masse auf diese Weise eine Frau sucht. Auf dem Dorf schon, weil jeder jeden kennt, was viele dort davon abhält, ihre Nöte anzusprechen. "Im Dorf würde man wahrscheinlich gar nichts sagen", sagt Lüpke-Narberhaus. In der Stadt kann man seine Sehnsucht unerkannt öffentlich machen.

Zettel in Elmsbüttel

"Du blöder Fahrraddieb! Das sind unsere Oldie-Räder, von Oma geerbt! Du hast bis Ende Mai Zeit, sie zurück zu bringen, sonst trifft dich unser Zorn, der ist nachhaltig. Voodoo können wir auch."

Eigentlich waren die Zeiten für Zettel nie günstiger. Sie wirken an Ampeln und Laternen, aber finden von dort aus auch den Weg ins Internet. Menschen mögen einen Zettel, fotografieren ihn, teilen ihn im Netz. Mancher Hilferuf-Zettel hat auf diese Weise schon eine enorme Verbreitung gefunden. Zum Beispiel der eines Down-Syndrom-Jungen, der seinen Sprachcomputer in der U-Bahn verloren hatte. Er bekam das Gerät tatsächlich wieder.

Und die anonyme Street-Art-Künstlerin Barbara nutzt eine Kombination aus Zettel und Internet als Ausdruck einer Rebellion gegen Verbote und urbane Einfalt. Ihre Zettel sind teilweise Antworten auf Schilder und andere Zettel. Sie befestigt sie irgendwo, fotografiert sie und postet sie auf Instagram. "Die ganze Welt hasst die Polizei", sagte mal ein Zettel. Barbaras Zettel antwortete: "Die ganze Welt hasst Verallgemeinerungen." Barbara hat auf Instagram mehr als 186 000 Abonnenten.

Zettel wirken manchmal wie eine Dienstleistung für Passanten. Sie bieten Liebe zum Abreißen an, Alltagsweisheiten, auch mal Parodien aufs Zettelkleben ("Wer hat diese Kartoffel gesehen?"). Sie drücken Protest ("Bitte leise stöckeln") oder klare Anweisungen ("Piss woanders") aus. Verzweiflung ("Mit wem muss man hier eigentlich schlafen, um eine Wohnung zu bekommen?"), Sehnsucht, und manchmal auch nur das winzige Drama, das einem Augenblick der Vergesslichkeit folgt: "Habe gestern an einem Sonntag meinen Pfeil und Bogen verloren."

Zettel gehören irgendwie dazu zum Versuch der Stadtmenschen, ihrem Lebensraum aus Stein und Leuchtreklamen Charakter zu geben. "Die Stadt spricht", sagt Frauke Lüpke-Narberhaus, "man muss nur lernen, sie zu lesen." Zettel sind wie Ausrisse einer viel größeren Geschichte. Sehr oft erzählen diese Geschichten vom Suchen. Nicht immer auch vom Finden.

Jonas zum Beispiel, mit dessen Zettel alles begann, bekam viele Anrufe. Ein Musiker schrieb ihm, dass sein Zettel eine Inspiration gewesen sei. "Der Zettel hat mein Leben verändert", hat Jonas gesagt, als Frauke Lüpke-Narberhaus mit ihm sprach. Aber die hessische Perle hat sich nicht gemeldet. Wahrscheinlich hat sie seinen schönen Zettel einfach nicht gesehen.