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Aurora-Attentäter James Holmes:Schüchtern, freundlich, schwer bewaffnet

James Holmes galt als intelligent und introvertiert: Der Massenmörder von Aurora fiel niemandem auf - bis er in einem Kinosaal zwölf Menschen erschoss. Ehemalige Freunde rätseln, wie der 24-jährige Student zum Killer werden konnte. Der Verdächtige schweigt. Nun prüfen die Behörden, ob ein mysteriöses Sexkontakt-Profil weitere Hinweise liefert.

Kaum jemandem war James Holmes aufgefallen. Der mutmaßliche Täter sei "eine Art Enigma", erklärten örtliche Polizeibeamte, niemand habe ihn zuvor "auf dem Radar" gehabt. Zuvor, das war vor den Minuten, in denen in einem Kinosaal in Colorado zwölf Menschen durch Kugeln aus einem Sturmgewehr sterben mussten und fast 60 verletzt wurden.

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Blutbad abseits der Leinwand

Auch jetzt, da seine Biographie zumindest in Grundzügen bekannt ist, gibt die Lebensgeschichte kaum Aufschluss über die Motive des 24-Jährigen. Holmes verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Kalifornien. Er wuchs in San Diego auf, die Gegend seines Elternhauses gilt als Wohnort der Mittelschicht. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester, sein Vater als Manager einer Software-Firma. Als Teenager soll sich Holmes nach Medienberichten in der Jugend vor allem sportlich engagiert haben.

Mannschaftskollegen seines ehemaligen Fußballteams beschreiben ihn als "Einzelgänger" - eine Bezeichnung, die auf Millionen Teenager zutrifft. Ein ehemaliger Schulkollege charakterisiert ihn als einen "normalerweise netten Typen". "James war sicherlich niemand, von dem ich mir jemals hätte vorstellen können, dass er jemanden erschießen würde", zitiert ihn die Los Angeles Times. Ein weiterer Bekannter spricht von einem "supernetten Jungen", der "wirklich schlau" gewesen sei. Ein Freund von damals erinnert sich an seinen "dunklen, sarkastischen Humor", den er aber nie als "psychotisch" interpretiert habe.

Studium mit Auszeichnung abgeschlossen

2006 schrieb sich der damals 18-Jährige an der University of California im nahegelegenen Riverside ein, um Neurowissenschaften zu studieren. 2010 schloss er sein Bachelorstudium mit der Auszeichnung "cum laude" ab. Auch hier: Keinerlei auffälliges Verhalten, ein Freund aus dieser Zeit bezeichnete Holmes als "schüchtern und reserviert". Mit seinen akademischen Leistungen habe er "ganz oben" gelegen, wie Universitätsdekan Timothy P. White erklärte.

Nach seinem Abschluss, so berichtet ein Bekannter, habe Holmes allerdings Probleme gehabt, Arbeit zu finden und deshalb ein Jahr bei McDonald's gearbeitet. 2011 schrieb er sich schließlich für das Doktorandenprogramm der University of Colorado Medical School in Aurora, einem Vorort von Denver, ein.

Vor wenigen Wochen habe sich der Student jedoch exmatrikuliert, bestätigte die Universität. Ob seine Leistungen zu schlecht waren oder er freiwillig ausschied, ist nicht bekannt. Noch im Mai war er für eine Präsentation zum Thema "Biologische Grundlagen psychiatrischer und neurologischer Störungen" eingetragen.

Eine sichtbare Psychose konnte zumindest Jackie Mitchell nicht feststellen: Noch am Dienstag hatte der Möbelpacker ein Bier mit Holmes getrunken. "Er erschien wie ein guterzogener, belesener Mensch", sagte Mitchell einem Fernsehsender, "sein Lächeln war süffisant, als wäre er intelligent."

Sprengfallen in der Wohnung

Seinen Nachbarn in Aurora fiel der Mann ebenfalls nicht auf - bis in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um Punkt Mitternacht aus seinem Apartment ein Techno-Lied in Endlosschleife aus dem kleinen Apartment dröhnte. Eine Nachbarin, die sich beschweren wollte, fand laut einem Bericht des Independent die Tür der Wohnung unverschlossen vor, entschied sich aber, nicht einzutreten.

Die Entscheidung könnte ihr das Leben gerettet haben: Wie sich später herausstellte, hatte Holmes in seinen Wohnräumen Sprengfallen angebracht und offensichtlich die Musik so programmiert, dass sie automatisch von Mitternacht bis 1 Uhr abgespielt wurde. Womöglich wollte er damit Hausbewohner oder die Polizei in eine Falle locken.