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Aufregung um Paparazzi-Bilder:Nur ein paar Pixel Brustwarzen

Beine, Bauch, Busen: Herzogin Catherine ist eine Frau! So groß ist die Aufregung um die Paparazzi-Bilder der jungen Adligen, dass man glauben könnte, oben ohne wäre heutzutage noch ein Skandal. Dem ist nicht so - und die geheuchelte Entrüstung nur eine Ausrede.

Es gab mal eine Zeit, da galt der Büstenhalter als stoffgewordene paternalistische Unterdrückung, ihn wegzuwerfen als revolutionärer Freiheitsschlag. Heute gibt es Teleobjektive, die noch aus einer Entfernung von fast einem Kilometer einigermaßen scharfe Fotos von Brustwarzen machen können.

Zwar hat die sexuelle Befreiung der siebziger Jahre die Gesellschaft nachhaltig verändert. Es gibt keine Ecke mehr, an der nicht durchtrainierte und photogeshopte Hinterteile für Unterwäsche werben, keinen Bekleidungsladen ohne Hotpants und transparente Hemdchen. Bei Bedarf kann man auf den BH auch heute verzichten, schließlich gibt es das "Hollywood Fashion Tape", das auch im raffiniertesten Dekolleté alles am Platze hält.

Doch weiter als zu den geglätteten Oberschenkeln der Plakatoberfläche und den abgeflachten Bäuchen auf Modezeitschriften scheint der Befreiungsgedanke von damals nicht vorgedrungen zu sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einer Welt, die angeblich von der "Generation Porno" bevölkert wird, Klatschzeitschriften dank ein paar Oben-ohne-Bilder einer Herzogin auf Rekordumsätze hoffen können. Yellow Press, Gerichte, Royalisten: Sie alle drehen vollständig durch - wegen ein paar Pixeln Brustwarzen.

Klar ist: Dass das Gericht im französischen Nanterre die weitere Verbreitung der Paparazzo-Bilder von Catherine nun untersagt und damit dem Antrag des britischen Königshauses auf eine einstweilige Verfügung entsprochen hat, ist richtig. Ein minimaler Anspruch auf Intimsphäre darf auch öffentlichen Personen wie William und Kate nicht versagt werden.

Stellen Sie sich nur mal vor, Sie finden heraus, dass jemand aus dem einige hundert Meter entfernten Nachbarhaus unbemerkt mit dem Feldstecher in Ihr Bad gespannt hat. Dieses Recht auf Intimsphäre gilt allerdings mit Bikini oder Unterwäsche genauso wie ohne.

An sich sind die Bilder, die der Paparazzo in Südfrankreich aufgenommen hat, alles andere als skandalös. Sie sind sogar fürchterlich langweilig: Ein Paar, ordentlich verheiratet, liegt in der Sonne. Mann und Frau cremen sich - vorbildlich gesundheitsbewusst noch dazu - gegenseitig den Rücken ein. Da wird nicht rumgemacht oder geknutscht, sich noch nicht mal ansatzweise lasziv geräkelt. Zu sehen ist der Körper der Herzogin, der so schlank und so durchtrainiert ist, wie man den Abertausenden Fotos der bekleideten Kate zufolge schon recht zuverlässig mutmaßen konnte. Zwei Beine, zwei Arme, Bauch und Busen.

Und da ist er ja, der Skandal!

Denn worauf sonst als auf das fehlende Bikini-Oberteil soll sich das "Oh my God!", mit dem das französische Magazin Closer die Bilder am vergangenen Freitag zuerst auf den Markt warf, sonst beziehen? Es geht um ein paar Zentimeter nackte Frauenhaut, die trotz völliger Absenz sexueller Gesten mit Verruchtheit und Unanständigkeit gleichgesetzt werden. Man fragt sich: Wann sind denn unser aller Moralvorstellungen zurück ins Mittelalter gefallen?

Empörtes Entsetzen, lüsternes Geifern

Das ist der eigentliche Skandal, wie die Autorin Michèle Binswanger in ihrem Blog so treffend notiert: die Skandalisierung des weiblichen Körpers. Der Vorwurf ist nicht Kate zu machen - à la "Das hätte sie sich doch denken können, dass da Fotografen rumhängen" - sondern einer Gesellschaft, die angesichts eines nackten Busens wahlweise empörte Entsetzensschreie ausstößt oder lüstern geifert. Der von den Befreiungskämpfen von einst nichts als der äußerste Schein geblieben ist.

Wäre das aber die ganze Wahrheit, dann müssten sich Frauen beschämt abwenden. Und es müssten vor allem Männer sein, die derzeit an den Kiosken Schlange stehen, um statt des Sexheftes Praline diesmal ausnahmsweise pixelige Oben-ohne-Bilder von Kate zu kaufen. Doch das kann stark bezweifelt werden, auch wenn uns die Wissenschaft immer wieder versichert, dass schon basale sexuelle Reize reichen können, um das männliche Gehirn zu stimulieren.

Stattdessen bietet die scheinheilige Diskussion um die angebliche Unanständigkeit der anständigsten Adligen überhaupt allen - und vor allem wohl leider den Frauen - eine ausgezeichnete Ausrede. Eine Ausrede dafür, ein völlig anderes Bedürfnis zu befriedigen: Die Lust, zu gaffen, zu starren und zu staunen ob der Banalität der prominenten Existenz.

© Süddeutsche.de/jobr/bavo
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