Süddeutsche Zeitung

Atom-DVD für japanische Schüler:All die schönen Kraftwerke

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Saubere und sichere Atomenergie, wohin man nur blickt. So sah die Welt in Japan bis vor kurzem aus - zumindest in einer Aufklärungs-DVD für die Grundschule. Leuchtendes Vorbild war ausgerechnet Fukushima-1.

Marlene Weiss

Ach, wenn die Welt nur so wäre, wie sie sich das japanische Wirtschaftsministerium noch vor wenigen Monaten vorgestellt hatte. Saubere und sichere Atomenergie, wohin man nur blickt.

Schließlich stehen in Japan 54 Atomkraftwerke, sozusagen an jeder Ecke eines. Aber damit auch die heranwachsende Generation das Energiekonzept der Regierung versteht und weiter unterstützt, muss Aufklärungsarbeit betrieben werden - je früher, desto besser. Die hat allerdings jetzt einen schweren Stand: 10.000 Unterrichts-DVDs zu Energie-Themen müssen womöglich eingestampft werden, nachdem die Katastrophe in Fukushima das Bild der Atomkraft in der Öffentlichkeit getrübt hat. Das geht aus einem Bericht der japanischen Tageszeitung Asahi Shinbun hervor.

In diesem Frühjahr sollten demnach die Gründschüler mehr über das Energie-Thema lernen. Daher hat die dem Wirtschaftsministerium unterstellte Energie-Agentur das sogenannte Informationszentrum für die Energie- und Umwelterziehung (ICEE) mit der Erarbeitung einer Unterrichts-DVD samt beiliegender Broschüre beauftragt. Gesagt, getan: 30 Millionen Yen (etwa 250.000 Euro) sollen investiert worden sein, 10.000 Exemplare wurden produziert, seit Ende Februar wurden 7500 davon an interessierte Schulen geliefert.

Die 50-minütige DVD für den Grundschulunterricht stellt eine Welt dar, die es nicht mehr gibt. Unter dem Titel "Mach auf! Die Energie-Tür" führen bunte Manga-Figuren durch alle Formen der japanischen Energieerzeugung - von Wasserkraft über Kohle bis zur Atomkraft. Zwischendurch werden kurze Filme gezeigt.

Das Kapitel zum Thema Atomkraft wäre vielen Kindern und ihren Eltern inzwischen wohl in jedem Fall schwer zu vermitteln gewesen. Aber das ICEE hatte auch noch besonderes Pech mit der Auswahl des Drehortes für die entsprechende Filmsequenz: Ausgerechnet im Atomkraftwerk Fukushima-1, mittlerweile eine strahlende Ruine, führen freundliche Mitarbeiter durch die Einrichtung. Wie Asahi Shinbun unter Berufung auf das Informationszentrum schreibt, sei die Wahl auf Fukushima gefallen, weil es so nahe bei Tokio liegt.

Am Ende der Sequenz wird betont: Die japanischen Atomkraftanlagen seien sicher, weil die Reaktoren in einem Containment-Gebäude enthalten seien und die Radioaktivität überprüft werde.

Das ICEE gehört zur industrienahen gemeinnützigen Stiftung Japanisches Produktivitätszentrum (JPC). Für das Jahr 2011 hat die Stiftung sich unter anderem vorgenommen, die Produktivität besonders im Gesundheitssystem und in der Altenpflege zu steigern und die Infrastruktur zu verbessern, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Die liegt nach der verheerenden Naturkatastrophe vom 11. März jedoch vorerst danieder; die Nuklearkatastrophe in Fukushima macht die Situation nicht einfacher.

Wie Asahi Shinbun jetzt berichtet, hat die Energie-Agentur die Auslieferung der DVDs nach dem Beben gestoppt. Als Grund wird angegeben, dass es unter den jetzigen Umständen unpassend sei, den Kindern die Filme zu zeigen. Wer weiß, ob es je wieder passend erscheinen wird.

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