Studie zu Asylentscheidungen Es menschelt im Gericht

Frauen in einer Flüchtlingsunterkunft in Neu-Isenburg (Hessen).

(Foto: dpa)

Wenn unter vielen männlichen Asylbewerbern mal eine Frau vorkommt, steigt die richterliche Aufmerksamkeit - und damit die Chance auf Asyl.

Von Wolfgang Janisch

Mag sein, dass Psychologen und Sozialwissenschaftler gegenüber den Besserwissern von der Jurafakultät nicht ganz unvoreingenommen sind. Jedenfalls werden seit Jahren Studien veröffentlicht, die belegen: Richter sind auch nur Menschen.

Furore machte eine israelische Studie, wonach Richter nach dem Frühstück viel häufiger Häftlinge auf Bewährung freiließen als kurz vor dem Mittagessen, wenn bereits der Hunger nagte. Ähnlich eine US-Studie: Nach der Zeitumstellung im Frühjahr oder Herbst, wenn man unausgeschlafen ist, neigen Richter zu härteren Strafen. Belegt ist auch der "Ankereffekt": Je höher die Schadenersatzforderung, desto höher fällt am Ende auch die Zahlung aus - der Richter "ankert" sein Urteil an der Zahl, die im Raum steht.

Nun hat das Zentrum für Europäische Sozialforschung an der Universität Mannheim eine Studie zu Asylentscheidungen angefertigt, die auf den ersten Blick verblüffend ist. Die Forscher haben mehr als 40 000 Entscheidungen über Asylanträge in Österreich ausgewertet. Weil die Zuständigkeit nach Herkunftsgebieten verteilt ist, ergab es sich, dass ein Teil der Richter ein Jahr lang keinen Antrag einer Frau bearbeitete, andere dagegen hatten es zu zwei Dritteln mit weiblichen Antragstellern zu tun. Ein wunderbares Setting also, um das Entscheidungsverhalten nach Geschlechtern zu untersuchen.

Männer urteilen strenger als Frauen

Der erste Teil des Ergebnisses entspricht dem Klischee: Männer urteilen strenger als Frauen. Bei Richterinnen lag die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entscheidung um rund neun Prozentpunkte höher. Allerdings geben Juristinnen keineswegs Frauen einen Bonus, sondern behandeln alle gleich. Bei den männlichen Juristen ist es nicht anders. Sie urteilen hart, aber geschlechtsneutral.

Überraschender ist das zweite Resultat. Wenn ein Richter - egal, ob männlich oder weiblich - hauptsächlich Anträge männlicher Asylbewerber auf dem Tisch hat, haben die wenigen Frauen gute Karten. In einer Reihe mit vorwiegend männlichen Asylbewerbern liegen ihre Chancen um bis zu 17 Prozentpunkte höher. Die Gegenprobe macht deutlich, dass tatsächlich eine Verzerrung vorliegt. "Bei Richterinnen und Richtern, die bei ihren Fällen mit einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis zu tun hatten, hatten die Frauen keinen messbaren Vorteil", sagt der an der Studie beteiligte Politikwissenschaftler Alejandro Ecker.

Die Erklärung dafür dürfte in einem Forschungszweig zu suchen sein, der ursprünglich mit der Diskriminierung von Frauen zu tun hatte, dem Tokenismus (englisch: token, also Zeichen). Dabei geht es um eine vordergründige Gleichstellungspolitik, die einzelne Frauen an exponierte Stellen etwa im Aufsichtsrat befördert, wo dann aber die Männer dominieren. Der Effekt: "Die Leute hören genauer hin, wenn die Außenseiterin spricht", sagt Ecker. Ähnlich sei es wohl bei den Richtern: Wenn unter vielen männlichen Asylbewerbern mal eine einzelne Jesidin vorkommt, steigt die richterliche Aufmerksamkeit - und damit die Chance auf Asyl.

Gilt das auch andersherum, wenn Männer in der Minderheit sind? "Wenn unsere Theorie stimmt, müsste es funktionieren", sagt Ecker.

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