Aschewolke über Europa Schlupfloch im Himmel wieder zu

Die Hoffnung währte nur kurz: Sieben deutsche Flughäfen wurden nach einer kurzfristigen Öffnung wieder geschlossen - mindestens bis Montag, 14.00 Uhr.

Nach tagelangem Stillstand haben die Behörden am Sonntag vorübergehend die Luftraumsperrung über Deutschland gelockert. An fünf Flughäfen waren vom Nachmittag an bis 20.00 Uhr wieder Flüge in bestimmte Richtungen möglich, an den beiden Berliner Airports war die Öffnung bis 0.00 Uhr ausgeweitet worden. Für die Zeit danach verlängerte die Deutsche Flugsicherung (DFS) das Flugverbot bis Montag, 14.00 Uhr.

Die Fluggesellschaften hatten bereits zuvor alle Flüge annulliert. In der Luftfahrtbranche, der die Sperrung täglich Millionen-Einbußen beschert, wurde nach Testflügen Kritik am Flugverbot laut.

Vom Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt und vom Flughafen Hahn im Hunsrück erlaubte die DFS bis 20.00 Uhr Flüge in Richtung Norden in Abhängigkeit vom Ziel. Hannover, Erfurt und Leipzig waren bis 20.00 Uhr für alle Abflüge Richtung Osten geöffnet, Berlin-Tegel und Berlin-Schönefeld bis 00.00 Uhr. Danach sollten alle Flughäfen in Deutschland mindestens bis Montag 14.00 Uhr geschlossen werden.

Grund für die Lockerung des Verbots war ein Schlupfloch, dass sich in der Aschewolke aus Island in Richtung Osten aufgetan hat. Auch der Flughafen Hamburg sollte zunächst geöffnet werden. Die zunächst günstige Prognose wurde dann aber wieder korrigiert, wie die DFS mitteilte. Hamburg blieb damit ebenso wie der restliche deutsche Luftraum gesperrt.

Die zeitweise Aufhebung nützte den Fluggesellschaften jedoch kaum etwas: Da etwa die Lufthansa alle innerdeutschen Flüge bis Montag, 11.00 Uhr annulliert hatte, sollte bis zu diesem Zeitpunkt auch kein Flugzeug starten oder landen. Alle europäischen und Interkontinentalflüge waren bis Montag, 14.00 Uhr, gestrichen worden. Mit der sehr kurzfristigen Öffnung verschiedener Flughäfen ohne Vorlauf sei weder der Fluggesellschaft noch den Passagieren gedient, sagte ein Lufthansa-Sprecher.

In Hannover landete um 20.07 Uhr jedoch die erste Passagiermaschine seit dem Beginn der Flugverbote. An Bord seien 165 Urlauber aus ganz Deutschland, teilte der Reiseveranstalter Tui mit. Sie kamen aus Gran Canaria. "Die Fluggäste hatten echt Glück", sagte TUI-Sprecher Mario Köpers. Die Gruppe war zunächst nach Faro in Portugal geflogen. Von dort sollte sie mit dem Bus die 30-stündige Heimreise antreten. Dann kam die überraschende Meldung: Auf einigen deutschen Flughäfen wurde das Flugverbot für kurze Zeit ausgesetzt.

Es war die einzige TUIfly-Maschine, die heute in Deutschland landet. Zwei andere Maschinen der Gesellschaft starteten den Angaben zufolge von Hamburg und Berlin-Tegel, um Touristen - wenn möglich - von Gran Canaria und Fuerteventura zu holen. Insgesamt sollen drei Maschinen von TUIfly möglichst heute Nacht noch mit Urlaubern von den Canaren auf deutschen Flughäfen landen. "Wir werden jedes Zeitfenster nutzen, um Gäste rauszuholen", sagte Köpers. Bislang hat Tui - auch mit Fähren - mehr als 1000 festsitzende Kunden von Mallorca, Malta, Grean Ganaria und aus Antalya zurück geholt.

Scharfe Kritik am Flugverbot

Mehrere Fluggesellschaften kritisierten unterdessen das generelle Flugverbot am Sonntag scharf. Der Himmel über weiten Teilen Europas sei nur wegen theoretischer Annahmen gesperrt worden, kritisierten die Fluggesellschaften Lufthansa, Air Berlin und Germanwings. Bei Testflügen hätten die Maschinen nicht einmal einen Kratzer abbekommen, sagte ein Lufthansa-Sprecher.

Nach den Worten von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) soll am derzeitigen Flugverbot in Deutschland aber dennoch so lange festgehalten werden, wie es Experten für notwendig halten. "Sicherheit muss höher gewichtet werden als Geschäftsinteressen", sagte Ramsauer am Sonntagabend in München. Die Kritik von Fluggesellschaften wies der Minister zurück: "Ich nehme mit Verärgerung wahr, dass da versucht wird, Druck auf mich auszuüben."

Prinzipiell sei die Bundesregierung an das internationale Regelwerk für Vulkanausbrüche gebunden. Allerdings werde man sich um flexible Lösungen bemühen. "Wenn das ausgestanden ist, müssen wir überprüfen, ob die geltenden Regelungen noch zeitgemäß sind."

Wie der isländische Wetterdienst am Sonntag mitteilte, ist der für das Chaos verantwortliche Vulkan noch nicht zur Ruhe gekommen. Die von dem Vulkan ausgelösten Eruptionen nähmen weiter zu, hieß es. Allerdings habe sich die Aschewolke, die Richtung Südosten nach Europa zieht, von elf auf vier bis fünf Kilometer Höhe verringert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) brach am Sonntagmorgen aus Bozen in Richtung Deutschland auf. Auf der Rückreise aus den USA hatte sie wegen der Aschewolke am Freitag in Lissabon landen müssen. Sie flog dann weiter nach Rom und fuhr von dort mit dem Auto nach Deutschland, wo sie am Sonntagnachmittag ankam. Die Teilnahme an der Beisetzung des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski in Krakau sagte Merkel ab.

Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der es mit mehreren verwundeten Soldaten aus Afghanistan nur bis Istanbul geschafft hatte, ist mittlerweile wieder in Berlin. Er reiste mit Bussen und Propellerflugzeug über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Deutschland. Die verletzten Soldaten werden in einem US-Militärhospital in Istanbul behandelt.

Schaden in Milliardenhöhe

"Durch das Flugverbot, das ausschließlich auf Computerberechnungen beruht, entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe", sagte Lufthansa-Konzernsprecher Klaus Walther der Bild am Sonntag. Die Testmaschinen der Airline seien am Samstag bis auf acht Kilometer Höhe aufgestiegen. Weder auf den Cockpitscheiben, an der Außenhaut noch an den Triebwerken hätten sich auch nur die kleinsten Kratzer gefunden. "Darum fordern wir für die Zukunft, dass vor einem Flugverbot verlässliche Messungen vorliegen müssen."

Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Walther, die Lufthansa erwäge auch Regressansprüche: "Wir behalten uns auch vor, die Frage zu stellen, wer haftet eigentlich, wer kommt für die Schäden auf?"

Auch Air-Berlin-Chef Joachim Hunold kritisierte, dass der Luftraum nur auf der Basis von Computersimulationen dichtgemacht worden sei. In Deutschland sei nicht einmal ein Wetterballon aufgestiegen, um zu messen, ob und wie viel Vulkanasche in der Luft sei. Unverständlich sei auch, dass das Verkehrsministerium bisher keinen Krisenstab eingerichtet habe. Air Berlin habe am Samstag drei Flugzeuge innerhalb Deutschlands problemlos im Sichtflug überführt, die keinen Schaden davongetragen hätten.

Auch der Geschäftsführer der Fluggesellschaft Germanwings, Thomas Winkelmann, sagte, er halte es für skandalös, dass bislang keine verlässlichen Messdaten zur Aschewolke vorlägen. Die Pilotenvereinigung Cockpit kritisierte, es hätte früher Testflüge geben müssen. "Ich habe gedacht, es hätte in Deutschland bereits Testflüge des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums gegeben. Wenn diese erst am Montag stattfinden, ist das natürlich spät", sagt Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg dem Tagesspiegel.

Die niederländische Fluggesellschaft KLM erklärte, ihre Piloten seien bei einem Testflug mit einer Boeing bis zur Maximalhöhe von 13 Kilometern aufgestiegen. "Wir haben nichts Ungewöhnliches festgestellt, weder im Flug noch bei einer ersten Überprüfung am Boden", sagte KLM-Chef Peter Hartmann.

Frankreich will europaweite Abstimmung

Frankreich dringt indes auf eine europaweite Abstimmung über Testflüge durch die Vulkanaschewolke im europäischen Luftraum. Man müsse klären, unter welchen Bedingungen man das risikofrei tun könne, sagte Umweltminister Jean-Louis Borloo dem Pariser Le Journal du Dimanche. "Das wird eine politische, europäische und internationale Entscheidung sein, von Freiwilligen gelenkte Flugzeuge fliegen zu lassen." Dazu sollten am Montag die EU-Verkehrsminister tagen, und sei es mit einer Telefonkonferenz.

Eine solche Konferenz regte auch EU-Kommissionsopräsident José Manuel Barroso an. Die Europäische Kommission prüfe derzeit, ob ab Anfang nächster Woche einige Flugstrecken wieder geöffnet werden können, sagte eine Sprecherin von EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. Kallas stehe seit Samstag mit der europäischen Aufsichtsbehörde Eurocontrol und den Behörden der Mitgliedstaaten in engem Kontakt, "um mögliche Optionen zur Freigabe einiger Flüge zu prüfen". Die Sicherheit habe aber Vorrang.

Wegen des Flugverbots sind Zehntausende Passagiere weltweit nicht an ihr Ziel gekommen. Es kam zu einem Ansturm auf Hotels, die Bahn und Mietwagenfirmen. Sie campieren zum Teil bereits die dritte Nacht auf Feldbetten in den Flughafen-Terminals. Allein rund 150.000 deutsche Urlauber sind von dem Flugverbot betroffen.

Die deutschen Botschaften im Ausland räumten der Betreuung von Reisenden Vorrang ein, die wegen der Aschewolke gestrandet sind. Botschaften und Konsulate bemühten sich, betroffenen Deutschen in individuellen Notlagen zu helfen, erklärte Außenminister Guido Westerwelle. Auch die Deutsche Bahn bereitete sich nach eigenen Angaben für Sonntag auf einen stärkeren Andrang vor. Es werde jeder verfügbare Zug eingesetzt, sagte ein Bahnsprecher.

Die Behörden befürchten, dass die Ascheteilchen aus einem Vulkanausbruch in Island die Triebwerke von Flugzeugen lahmlegen könnten. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) belegte am Sonntag nach eigenen Angaben Vulkanasche in der Luft über Süddeutschland. Messungen mit einem Lasergerät auf dem Hohenpeißenberg bei München hätten Aschestaub in den Luftschichten zwischen 3000 und 7000 Metern nachgewiesen, sagte ein DWD-Meteorologe in Offenbach bei Frankfurt.