Naturschutz in Südamerika:Nagetiere gegen Neureiche

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Wer ist hier der Eindringling? Wasserschweine im exklusiven Wohnviertel Nordelta nördlich von Buenos Aires. (Foto: Nachbarschaftsverband Nordelta/dpa)

In einer argentinischen Luxus-Wohnanlage vermehren sich die Wasserschweine und baden auch gerne mal in den Pools, Anwohner empfinden sie als Plage. Aber ist es nicht eigentlich genau umgekehrt?

Von Christoph Gurk

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die Nordelta-Wohnanlage immer noch mit der "Ruhe der Natur" wirbt. Von wegen! Die Gated Community ist eine der größten und exklusivsten in ganz Argentinien: mehrere Tausend Hektar mit verschnörkelten Kanälen, akkuraten Parks und teuren Privatschulen. 40 000 Menschen leben hier, unter ihnen viele Stars und Sternchen. Die Villen sind pompös und die Grundstückspreise hoch, ebenso wie auch die Sorge vor Einbrechern und Kriminellen.

Ein doppelter Sicherheitszaun umgibt darum die Anlage, es gibt Kameras und Security-Angestellte. All das reicht meist aus, um Diebe fernzuhalten. Gegen einen ganz speziellen Eindringling scheint die Wachmannschaft der Nordelta aber machtlos zu sein: Hydrochoerus hydrochaeris, das gemeine Wasserschwein.

Die Nager sehen auf den ersten Blick aus wie graue Meerschweinchen, ausgewachsen können sie aber die Größe und das Gewicht einer Wildsau erreichen. Wasserschweine ernähren sich von Gräsern, sie leben in Gruppen, und ihr Habitat erstreckt sich über nahezu ganz Südamerika, von den Füßen der Anden bis zu den Sümpfen des Pantanal, vom Amazonas bis hin zum Rio Luján, an dessen Ufern auch die Nordelta Gated Community liegt.

Die Nager belästigen Haustiere und baden in Pools

Schon seit ein paar Jahren sichten Anwohner dort immer wieder mal ein Wasserschwein. Mittlerweile aber sind die in Argentinien auch carpinchos genannten Tiere nicht nur zur Normalität, sondern für manche auch zu einer Plage geworden. Sie belästigen Haustiere, heißt es, sie knabbern an Zierpflanzen und baden in privaten Pools. Derzeit beträgt die Population in Nordelta etwa 400 Tiere, in ein paar Jahren aber könnten es schon Tausende sein. Von einer Invasion ist die Rede, Nachbarn bewaffnen sich, um den nervigen Nagern ein für allemal den Garaus zu machen. Doch so einfach ist es nicht.

Denn in Argentinien, diesem wunderschönen, aber schrecklich ungleichen Land, sind die Wasserschweine in der Luxussiedlung längst zu einem Politikum geworden. Seit Jahren beklagen Umweltaktivisten den Immobilienwildwuchs, der Naturjuwele zerstört. Wenn nun immer mehr akkurat geschnittener Rasen einstmals unberührte Wildnis verdrängt, sei es nur legitim, dass Wasserschweine auch auf eben jenem mal ihr Geschäft verrichten - schließlich waren sie es ja, die zuerst da waren, nicht die Menschen.

Und wenn eben diese Grünflächen dann auch noch zu einer exklusiven Wohnanlage für die oberen Zehntausend gehören, wird aus Fragen des Naturschutzes auch Stoff für den Klassenkampf. Im Netz werden die Wasserschweine schon als Revolutionäre gefeiert, Nager gegen Neureiche, carpinchos gegen chetos. Nutzer montieren ihre Köpfe in eine Reihe mit denen von Marx, Engels und Lenin. Und Juan Grabois, einer der bekanntesten Sozialaktivisten des Landes, twitterte vor Kurzem: "Alle mit den Wasserschweinen - hasta la victoria, siempre!"

Wie es nun weitergeht, ist unklar. Eine Nachbarschaftsvereinigung sucht zusammen mit der Umweltbehörde nach Lösungen. Von Geburtenkontrolle und Umsiedelung ist die Rede, doch das ist leichter gesagt als getan, denn nicht nur Bauprojekte dringen immer weiter in die Natur vor in Argentinien, sondern auch Bauern und Rinderzüchter. Irgendwann einmal, fürchten Umweltschützer, könnte es für Wasserschweine nur noch Platz in einer ganz speziellen Gated Community geben: dem Zoo.

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