Sexismus-Debatte Argentinien will Schönheitsköniginnen degradieren

Wird aus der Schönheitskönigin bald die Schönheitsrepräsentantin? In Argentinen sollen die Titel bei Miss-Wahlen demokratisiert werden.

Im Bild: Valentina Ferrer, die im Januar für Argentinien den Miss-Universe-Wettbewerb in Florida gewann.

(Foto: Getty Images)

Nirgends sind Miss-Wahlen so beliebt wie in Argentinien. Geht es aber nach dem Parlament, dürfen sich Schönheiten bald nicht mehr mit dem Titel "Königin" schmücken.

Von Boris Herrmann

Was wäre eine Königin, die nicht mehr Königin heißen darf? Ein Witz, finden Argentiniens Schönheitsköniginnen. Tatsächlich sind ihre Adelstitel ernsthaft bedroht: Das Parlament in Buenos Aires beschäftigt sich gerade mit der Frage, ob die "monarchischen Bezeichnungen" demokratisiert werden können. Weinköniginnen müssten dann zum Beispiel in Weinrepräsentantinnen umbenannt werden. Und auch Krone und Zepter sollen verschwinden: Die Ausschüsse für Kultur und Familie haben dem Vorhaben bereits ihren Segen erteilt. Aber die Monarchinnen wehren sich. Sie haben sich zusammengeschlossen und eine Petition gestartet, um das Gesetz mit dem unscheinbaren Namen "26.485" noch zu stoppen.

Die Initiative geht auf die Abgeordnete Gloria Bidegain aus der Regierungspartei von Präsidentin Cristina Kirchner zurück. Dahinter steckt die ernsthafte Debatte über Machismo in Lateinamerika sowie über Sinn und Unsinn der in dieser Region extrem beliebten Miss-Wahlen. Bidegain hält diese Wettbewerbe, an denen oft schon kleine Mädchen teilnehmen, für sexistisch und diskriminierend. Sie sei schockiert gewesen, als sie gesehen habe, dass die Mädchen bei diesen Veranstaltungen wie auf Viehauktionen behandelt werden, eingeteilt nach Größe, Alter und Gewicht.

Schönheitswettbewerbe sind in Lateinamerika noch häufiger als im Rest der Welt ein Sprungbrett für Fernseh- und Promikarrieren; spätestens seit Norma Gladys Cappagli 1960 als erste Argentinierin den Titel der "Miss World" gewann, träumen die Mädchen davon, eines Tages auf den Bühnen der großen, weiten Welt zu glänzen, etwa wie zuletzt Brenda González 2013 oder Valentina Ferrer 2014 bei der "Miss Universe"-Show in den USA. Das hat auch zur Folge, dass sich bereits Teenager Brüste vergrößern, Lippen aufspritzen und Nasen korrigieren lassen.

Die Abgeordnete Bidegain begründete ihren Vorstoß auch explizit mit den jüngsten Protesten gegen Gewalt an Frauen in Argentinien. Unter dem Motto "NiUnaMenos" (Nicht eine weniger) waren im Juni in Buenos Aires Zehntausende auf die Straßen gegangen, um gegen die erschreckend hohe Zahl von Frauenmorden im Land zu demonstrieren. Auch Präsidentin Kirchner und der Fußballspieler Lionel Messi unterstützten die Bewegung. Bidegain sagt: "Die Gewalt beginnt aber nicht mit dem Verbrechen, sondern bei den Symbolen." Die neue Sprachregelung bei Schönheitswettbewerben sei ein Versuch, einen Gesinnungswandel zu befördern.

Die aktuelle Königin Melina Albrecht sagte der Zeitung La Nación, es gehe da aber nicht nur um den Traum, die Allerhübscheste zu sein, sondern auch darum, Argentiniens Provinzen und ihre Kulturen zu repräsentieren. Im ganzen Land gibt es mehr als 500 staatlich anerkannte Volksfeste, bei denen es zum Brauch gehört, eine Schönheitskönigin zu küren.

Der Werdegang von Melinda Albrecht zum Beispiel begann als "Tomaten-Königin" beim nationalen Tomatenfest von Lamarque in der Provinz Río Negro. In Mercedes, unweit von Buenos Aires, küren sie die "Königin der Hausmacher-Salami", und die Stadt Azul hat sogar zwei Königinnen: eine "Rinder-Königin" sowie eine "Königin der Baumschule". Noch jedenfalls - Azul ist die Heimatstadt der Abgeordneten Bidegain.