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Anwälte von Anders Behring Breivik:Die Selbstdarsteller

Man könnte meinen, es gebe eine norwegische Version der US-Anwaltserie "Boston Legal": Die Verteidiger des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik präsentieren sich vor dem Prozess auf Fotos wie amerikanische TV-Stars. Wird hier versucht, aus einer nationalen Tragödie ein Maximum an Publicity herauszuschlagen?

Marc Felix Serrao

Das Quartett strahlt Souveränität und Zuversicht aus, gepaart mit modischer Lässigkeit. Zu sehen sind drei Männer und eine Frau, die den Betrachter frontal anschauen und sich an verschiedenen Stellen in einem ansonsten leeren Raum befinden. Am strengsten wirkt die ältere Dame rechts im Bild. Ihre Stirn ist in Falten gelegt, die Mundwinkel zeigen nach unten. Komm mir nicht frech, Freundchen: Das scheint ihr Blick zu sagen. Die zwei jüngeren Herren neben ihr schauen auch ernst drein, sehen aber etwas zugänglicher aus, vor allem der mittlere, der seine Hände lässig in die Hosentaschen seines gut geschnittenen Anzugs gesteckt, auf eine Krawatte verzichtet und die Haare flott mit Gel verwuschelt hat. Am interessantesten aber ist der vierte im Bunde. Der Glatzkopf mittleren Alters steht weit weg von den anderen im Hintergrund - und ist doch eindeutig der wichtigste. Der Kopf der Operation. Der Mann mit der Aktentasche.

The lawyer team of accused Norwegian militant Breivik, from left: Jordet, Groen,  Lippestad and Baera, pose for a picture in Oslo

Sie sehen aus wie Schauspieler auf dem Werbeplakat einer neuen Fernsehsendung, sind aber tatsächlich einfach Anwälte. Hier posieren Tord Jordet, Odd Ivar Groen, Geir Lippestad und Vibeke Hein Baera (von links), die Strafverteidiger des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik.

(Foto: REUTERS)

Wer die vier nicht kennt, die sich hier so smart in Szene setzen, käme im Traum nicht auf die Idee, wer sie wirklich sind. Beziehungsweise: dass sie echt sind. Tord Jordet, Odd Ivar Groen, Geir Lippestad und Vibeke Hein Baera spielen nicht etwa die Hauptrollen in der neuesten amerikanischen Anwaltsserie, nein, sie sind richtige Anwälte. Und nicht irgendwelche. Die vier Norweger treten von kommendem Montag an in Oslo in einem Prozess auf, der weltweit mit Spannung erwartet wird. Sie sind die Strafverteidiger des geständigen Massenmörders Anders Breivik (und der Glatzkopf mit der Tasche, Geir Lippestad, ist der Chef ihrer Kanzlei).

Was ist da los? Will da jemand aus der juristischen Aufarbeitung einer nationalen Tragödie ein Maximum an Publicity herauszuschlagen? Träumt da einer schon vor Prozessbeginn von der nächsten Karriere? Irgendwas mit Kameras und Schminke?

"Wir sind Anwälte, wir kennen uns mit Fotos nicht aus"

Alles falsch, sagt Odd Ivar Groen. Er und seine Kollegen hätten nichts mit den Bildern zu tun - also mit dem Stil, dem Licht und so weiter. "Wir sind Anwälte, wir kennen uns mit Fotos nicht aus", erklärte der 30-jährige Jurist (im Bild mit gegeltem Wuschelhaar) am Mittwoch auf Anfrage. Die Bitte um einen Fototermin sei von der norwegischen Zentrale der Bildagentur Scanpix gekommen. Deren Fotograf sei verantwortlich für die Aufnahmen, die seit Dienstag in Umlauf sind. "Wir haben uns nur bemüht, ernst zu schauen", sagt Groen, der in Oslo Jura studiert hat und seit einem Jahr für Lippestads Kanzlei tätig ist.

Und die Inszenierung? Die frappierende Ähnlichkeit zu TV-Serien wie Boston Legal? "Kein Kommentar", sagt Groen. Auch die Frage, ob er und seine Kollegen die Fotos geschmackvoll finden, bleibt unbeantwortet: "Wir sind nicht glücklich, und wir sind nicht unglücklich darüber."

Ähnlich zurückhaltend äußert sich auch Jon Eeg, Foto-Chef von Scanpix-Norwegen, in dessen Studio das hier gezeigte Bild und andere Aufnahmen entstanden sind. Den eigenartigen TV-Serien-Look will er gar nicht kommentieren. Das habe der diensthabende Fotograf so entschieden, "ganz einfach". Allerdings gibt Eeg zu, dass ihm nicht bekannt sei, dass seine Agentur vor einem Prozess schon mal solche Bilder geschossen habe: "Aber es ist ja auch ein ganz besonderer Prozess."

© SZ vom 12.04.2012/soli

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