bedeckt München 30°

Antibabypille:"Darauf bin ich voll hereingefallen"

"Dass die Antibabypille das Thrombose- und Embolie-Risiko bei Frauen erhöhen kann, ist bekannt", sagt Bernhardt Sachs, der beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) für die Risikobewertung von Arzneimitteln zuständig ist. In der Vergangenheit hätten sich manche Pillen bei der Entstehung von Thrombosen jedoch als gefährlicher herausgestellt als andere, sagt Sachs. Die Arzneimittelbehörden der EU-Mitgliedsstaaten prüfen daher zur Zeit die neuen Erkenntnisse zu Yasmin. Auch in der Schweiz wurde eine Untersuchung der Pillen angeordnet. Organisationen wie die "Coordination gegen Bayer-Gefahren" fordern ein sofortiges Aus für Yasmin, Yasminelle und Yaz.

Beim Bfarm hält man es derzeit jedoch nicht für nötig, die Pillen vom Markt zu nehmen. Mit einer Entscheidung der europäischen Behörden ist in Kürze zu rechnen. Möglich ist, dass Bayer künftig im Beipackzettel oder in der ärztlichen Fachinformation darauf hinweisen muss, wie hoch die Gefahr einer Thrombose den neuen Studien zufolge ist. Bei Bayer sieht man dazu keinen Anlass.

Irreführende Werbespots

In den klagefreudigen USA werfen Patienten Bayer vor, angeblich die Risiken schwerer Nebenwirkungen verschleiert zu haben, angeblich in betrügerischer Absicht. Bislang wurden dem Konzern in den USA 129 Klagen bezüglich Yasmin und Yaz zugestellt. Ärger mit US-Gerichten hatte Bayer wegen Yasmin und Yaz auch schon zu Beginn dieses Jahres. Die Arzneimittelbehörde FDA hat Bayer wegen zwei irreführender Werbespots verwarnt.

Die Fernsehwerbung habe die Wirksamkeit der Pillen übertrieben und schwere Nebenwirkungen untertrieben, so die Behörde. Auch wären die Pillen als Heilmittel für Krankheitsbilder angepriesen worden, für die sie gar nicht zugelassen seien. Im Februar stimmte Bayer zu, 20 Millionen Dollar auszugeben, um die Kampagne richtigzustellen. Außerdem muss Bayer künftig der FDA alle neuen Werbespots für Yaz vorlegen.

Auch in Deutschland bewirbt Bayer die neuen Pillen stark, der Konzern hat mit ihnen im vergangenen Jahr weltweit 1,22 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Felicitas Rohrer sagt, dass ihre Frauenärztin Yasminelle empfohlen habe, da sich bei dieser Pille "das Hautbild verbessern" würde und außerdem "die Möglichkeit der Gewichtsabnahme" bestehe. "Darauf bin ich voll hereingefallen", sagt Rohrer.

Dabei liegen dem Bfarm keine Studien vor, die belegen, dass Frauen, die Pillen der Yasmin-Familie nehmen, "in klinisch relevantem Ausmaß abnehmen", wie Bernhardt Sachs erklärt. Solche Aussagen erhöhen jedoch die Akzeptanz bei jungen Frauen - genauso wie das Willkommenspaket, das Rohrer von ihrer Ärztin erhalten hat. Die Pille sei in ein trendiges, silbernes Schächtelchen mit Spiegel und Schminkpinsel verpackt gewesen. Rohrer fand das damals prima.

Nun versucht sie, mit ihrem neuen Leben zurechtzukommen. In ihrem Leben vor der Pille hatte sie in Rekordzeit Tiermedizin studiert, eine Ortsgruppe der Grünen Jugend gegründet, gegen die Republikaner demonstriert, Essays für die Lokalzeitung geschrieben und Tennismeisterschaften gewonnen. Hoffnungsvoll blickte sie in die Zukunft. Heute ist Felicitas Rohrer schon außer Atem, wenn sie etwas schneller geht. Sie hat das Gefühl, ihr ganzer Körper sei kaputt.

© SZ vom 14.10.2009/jab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB