Anti-Terror-Kampf:Frankreichs Polizei: Jenseits der Belastungsgrenze

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Terror attack in France

Ein Polizist sichert am 15. Juli den Tatort an der Promenade des Anglais in Nizza.

(Foto: dpa)

Seit Anfang 2015 sind die Sicherheitskräfte im Ausnahmezustand. Um neue Anschläge zu verhindern, häufen sie Unmengen Überstunden an - Stress und Selbsttötungen nehmen zu.

Von Matthias Kolb

Ende Juli sollte es soweit sein. Nachdem die Fußball-Europameisterschaft ohne den befürchteten Anschlag zu Ende gegangen war, wollte Frankreichs Präsident François Hollande den Ausnahmezustand aufheben. Dem Volk sollte vorsichtige Entlastung signalisiert und den Sicherheitskräften etwas Erholung ermöglicht werden. Doch nach dem Lkw-Massaker in Nizza mit 84 Toten wird der état d'urgence um ein Vierteljahr verlängert - und die ohnehin enorme Belastung für Frankreichs Polizisten bleibt erhalten.

Knapp 200 000 Männer und Frauen arbeiten bei der Polizei sowie bei der Gendarmerie (aus Kostengründen wurden laut Reuters seit 2007 13 000 Stellen gestrichen). Die Police Nationale ist dem Innenministerium unterstellt; die Gendarmerie ist hingegen militärisch organisiert und daher ist neben dem Innen- auch das Verteidigungsministerium für sie verantwortlich. Gendarmen werden vor allem auf dem Land und in Kleinstädten eingesetzt.

Seit dem Angriff auf die Charlie Hebdo-Redaktion und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 versuchen Frankreichs Sicherheitskräfte alles, um weitere Anschläge zu verhindern. Die Überstunden gehen in die Millionen und regelmäßig bekommen die Beamten nicht die vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden.

Hohe Belastung führt zu Stress, Depressionen und Selbstmorden

Und die Arbeit hört nie auf: Neben dem Anti-Terror-Kampf gab es die Fußball-EM mit 2,5 Millionen Fans, public viewing und randalierenden Hooligans; nun bindet der Radsport-Klassiker Tour de France viele Kräfte. Die Folgen sind klar: Der Stress nimmt immer weiter zu, was zu Unaufmerksamkeit und Fehlverhalten führt.

Teilnehmer von Großdemonstrationen, die im Frühjahr die umstrittene Arbeitsmarktreform verhindern wollten, klagten über übertriebene Härte der Polizisten - doch zugleich wurden bei diesen Einsätzen mehr als 350 Beamte verletzt.

Die Bilder eines Polizeiautos, das in Flammen aufgeht, belastet Frankreichs Polizisten ebenso wie jene Nachricht von Mitte Juni, dass ein Dschihadist nahe Paris ein Polizisten-Ehepaar erstochen hat. "Wenn wir in dieser Art bis Ende des Jahres weitermachen, dann werden viele Polizisten krank und depressiv", warnte Denis Jacob von der Polizeigewerkschaft schon Mitte Mai. Ähnliches erwartet der Psychologe Jean Krakowiecki, der von einem Anstieg an Suiziden und Scheidungen unter Beamten berichtet.

Wie tief der Frust der Gesetzeshüter sitzt, zeigt die Tatsache, dass Frankreichs Polizisten schon Ende 2015 auf die Straßen gingen. Damals klagten sie auch über miserable Ausstattung: überalterte Dienstfahrzeuge, defekte Waffen und Munitionsmangel (mehr in diesem SZ-Artikel). als Reaktion versprach die Regierung immerhin 233 Millionen Euro mehr und hat seither mit der Ausbildung von 9000 Rekruten begonnen. Allerdings wird es dauern, bis sie einsetzbar sind und genügend Erfahrung gesammelt haben.

Um die regulären Einsatzkräfte zu entlasten, hat Präsident Hollande die Reservisten bei Polizei und Militär in Bereitschaft versetzt. Bei den Reservisten handelt es sich um 55 000 Freiwillige mit und ohne militärischer Erfahrung (mehr hier). Laut Le Monde ist jeder fünfter Reservist weiblich und die Zahl der Reservisten soll bis 2019 auf 63 000 steigen. Hollande hatte geplant, die Zahl der Einsatzkräfte der Anti-Terror-Operation "Sentinelle" zu reduzieren - nun soll sie bei 10 000 bleiben.

Kritik an mangelnder Kooperation

Auch wenn es in Nizza zum dritten katastrophalen Anschlag in 18 Monaten bekommen ist: Durch die Aufrüstung von Polizei und Geheimdiensten ist es gelungen, seit Januar 2015 mehr als ein Dutzend Attentate zu verhindern, wie SZ-Frankreich-Korrespondent Christian Wernicke betont.

Doch erst vor einer Woche hatte ein Untersuchungsbericht des Parlaments, der nach dem Bataclan-Anschlag in Auftrag gegeben worden war, der Zusammenarbeit von Polizei und Geheimdiensten ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. So unterhalte sowohl die Polizei als auch die Gendarmerie eigene Geheimdienste und tausche die Informationen nicht ausreichend aus.

Auch dass Frankreich über drei verschiedene Einheiten von Elite-Polizisten verfüge, die in verschiedenen Teilen des Landes verschiedene Aufgaben übernehmen, wurde harsch kritisiert. Die Abgeordneten drangen darauf, nach US-Vorbild ein "Nationales Anti-Terror-Zentrum" einzurichten, das dem Premierminister unterstehe. Eine weitere Empfehlung lautet, mehr Geld in Überwachungskameras zu investieren - doch um dieses zusätzliche Material auszuwerten, bräuchte es mehr Personal.

Frankreichs ohnehin schon überlastete Sicherheitskräfte werden nicht so bald zur Ruhe kommen.

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