Anschlag am Berliner Breitscheidplatz:Ist zwischen den Buden noch Raum für Trauer?

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Hinter Germer brennen zwölf Kerzen, für jeden Toten eine. Davor aber die Osterkerze, "das Licht der Auferstehung", sagt der Pfarrer. Ihm bricht die Stimme, als er an das vergangene Jahr erinnert, das für alle, die in dieser Kirche sitzen, schließlich weitergehen musste nach dem Terroranschlag. "Ich denke an die Tränen der Trauernden, die noch längst nicht gestillt sind", sagt Germer. Tränen auch, denen manch einer vielleicht noch keinen freien Lauf lassen konnte. In der Kirche ist es sehr still.

Er wünsche sich, sagt der Pfarrer am Schluss, dass zwischen den Marktbuden auf dem Breitscheidplatz noch Raum sein werde für das, "was Menschen an Kummer und Schmerz mitbringen".

Schrecklich. Aber muss ja.

Es ist klar, dass es kein leichtes Jahr wird für die Schausteller. Nach dem Gottesdienst, in der halben Stunde, die noch bis zur offiziellen Eröffnung des Weihnachtsmarktes bleibt, laufen Dutzende Journalisten zwischen den Buden herum, filmen halb geöffnete Rollläden, Verkäuferinnen und Verkäufer, die ihre Ware anrichten, den Blick auf die Hände gerichtet.

Die meisten von ihnen wollen nicht reden darüber, wie es ihnen geht. Was sollen sie auch sagen? Über ihre Trauer sprechen, während auf dem Grill die ersten Würste brutzeln, der Glühwein dampft, noch das letzte Wechselgeld in die Kasse gezählt werden muss? Die wenigen, die doch reden, sagen nicht viel: Schrecklich. Aber muss ja.

Um elf Uhr schlendern die ersten Touristen über den Platz, sie unterhalten sich auf Russisch, Englisch, Italienisch. Einige von ihnen bleiben an der improvisierten Gedenkstätte stehen, werden sofort von Journalisten belagert. Auch sie sagen: Schrecklich. Aber muss ja. Und steuern dann den nächsten Glühweinstand, die gerade eröffneten Wurstbuden an. Die Standbesitzer begrüßen sie: Ein Glühwein? Eine Wurst? Bitte, danke. Die Schausteller lachen, geben sich gegenseitig die ein oder andere Wurst, den ersten Glühwein aus. Sichtlich erleichtert, dass sie niemand mehr fragt: Wie fühlen Sie sich? Sondern einfach nur: Gibt's dazu auch Ketchup?

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