Anschläge in Frankreich Das Versteck unter der Spüle

  • Acht Stunden lang harrte Lilian Lepère in einem Unterschränkchen aus, während sich nur Meter von ihm entfernt die beiden Attentäter von Paris verschanzten. Nun hat sich die Geisel, die keine war, erstmals öffentlich geäußert.
  • Journalisten der Zeitung Le Monde hatten 2008 den dritten Attentäter der Anschläge von Paris interviewt, den damals 26-jährigen Amedy Coulibaly.

Hilferufe per SMS

Acht Stunden lang harrte Lilian Lepère unter einer Spüle aus - in ständiger Angst, von den Brüdern Chérif und Said Kouachi entdeckt und getötet zu werden. Die Männer hatten zwei Tage zuvor die Terroranschläge auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo verübt und dabei zwölf Menschen getötet. Auf ihrer Flucht durch Paris überfielen sie eine Tankstelle und verschanzten sich in einer Druckerei in dem kleinen Ort Dammartin-en-Goële, wo Lepère als Grafiker arbeitete. Über seine Erlebnisse sprach der 26-Jährige nun erstmals im französischen Fernsehen mit dem Sender France 2 (hier das Interview zum Anschauen).

Seinem Chef, dem Druckereibesitzer Michal Catalano, sagte Lepère, verdanke er sein Leben. Dieser hatte morgens die schwer bewaffneten Kouachi-Brüder vor dem Eingang der Druckerei entdeckt. Als diese die Eingangstür aufbrachen, soll Catalano seinem Mitarbeiter Lepère zugerufen haben: "Lauf nach oben, versteck dich unter dem Waschbecken." Lepère glaubte zuerst an einen schlechten Scherz, rannte dann aber nach oben, kauerte sich in das 70 mal 90 Zentimeter kleine und nur etwa 50 Zentimeter tiefe Unterschränkchen.

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Scherze mit den Terroristen

Unterdessen versuchte sein Chef Catalano die Situation zu entspannen. Er versorgte die Wunde des einen Terroristen und bot den Männern Kaffee an - sie ließen ihn um 10.20 Uhr gehen, ohne zu wissen, dass Lepère noch im Schränkchen ausharrte.

Weil seine Familie nichts von seinem Verbleib wusste, habe sie mehrmals versucht, ihn zu erreichen, berichtete Lepère. Sein Handy habe bei Anrufen und Sms immer wieder gebrummt. Er habe versucht, das Telefon von den Wänden seines Verstecks fernzuhalten, damit das Brummen nicht lauter wurde. Er brauchte längere Zeit, um aus der zusammengekauerten Position an sein Handy zu gelangen, als er es geschafft hatte, schaltete er das Gerät sofort stumm. Seinem Vater schickte er eine SMS: "Ich habe mich im ersten Stock versteckt. Ich befürchte, dass sie jeden umgebracht haben. Sagt der Polizei, dass sie eingreifen soll." In den folgenden Stunden stand er in stetigem SMS-Kontakt mit seiner Familie und der Polizei, gab detaillierte Hinweise, schilderte die Situation vor Ort.

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"Mein Herz stockte, ich hielt den Atem an"

In den acht Stunden, die Lepère im Schränkchen ausharrte, hätten sich die Terroristen die meiste Zeit in Catalanos Büro aufgehalten. "Ich hörte Schüsse, es war wie im Film", sagte der Grafiker, "Und plötzlich hörte ich, wie jemand einen Schrank neben mir öffnete, nur 50 Zentimeter entfernt, und den Kühlschrank aufmachte. Ich dachte, jetzt macht er alle Schränke auf. Ich dachte: Okay, das war's." Doch Lepère hatte Glück. Einer der Attentäter wollte sich nur ein Glas Wasser holen und trat deshalb ans Spülbecken heran: "Ich sah seine Silhouette, fühlte am Rücken, wie das Wasser durchs Rohr rauschte. In dem Moment denkt man nichts mehr. Mein Herz stockte, ich hielt den Atem an." Der eine Attentäter hätte seinen Bruder gefragt, ob er auch was trinken wolle. Der soll geantwortet haben: "Nein, und das ist jetzt auch nicht die Zeit dafür."

Die Rettung

Gegen etwa 17:40 Uhr kamen die ersten Berichte über eine Erstürmung der Druckerei durch eine Spezialeinheit der Polizei. Zeitgleich war auch in Paris der jüdische Supermarkt gestürmt worden, in dem ein dritter Attentäter mehrere Geiseln festgehalten hatte. Als er die Schüsse hörte, geriet Lepère in Panik, weil er befürchtete, dass die Terroristen Sprengfallen gelegt hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Brüder bereits von den Einsatzkräften erschossen worden - wenige Minuten später wurde Lepère befreit und ärztlich versorgt.

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