Anonymität Nur noch eine Nummer

Wohnungsnummern stehen neben Klingelschildern.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Die Namen auf Gräbern und Klingelschildern verschwinden. Viele halten das für eine zivilisatorische Errungenschaft. Unserem Autor gefällt die Vorstellung nicht.

Kolumne von Karl-Markus Gauß

Vor einigen Wochen musste ich einen Arzt aufsuchen. Ich betrat das Wartezimmer, in dem hustende und niesende Patienten miteinander wetteiferten, als erster Fall der heurigen Grippeepidemie anerkannt zu werden. Erst als ich Platz genommen hatte, schaute ich auf das Kärtchen, das mir die Sprechstundenhilfe im Tausch mit meiner Versicherungskarte in die Hand gedrückt hatte. Auf ihm stand nur eine Zahl, und zwar 19.

Nach einer Weile, in der ich mir Mühe gab, mit Krächzen und Schnupfen auch meine Teilnahme am Wettbewerb anzumelden, hörte ich durch den Lautsprecher die vertraute Stimme des Arztes sagen: "Als nächste, Nummer acht bitte." Es war schon eine Zeit her, dass ich das letzte Mal hier gewesen war, aber ich erinnerte mich genau, dass wir Kranken, Maroden und Hypochonder damals als Frau Oberkofler oder Herr Breitwinkler aufgerufen wurden, also mit Namen - die ich hier allerdings verändert habe.

Ich gebe zu, in der Langeweile des Wartens empfand ich es oft als willkommene Ablenkung, wenn ich von den Patienten, die vor mir dran waren, auf diese Weise wenigstens erfuhr, wie sie hießen. Diese Neugier ist mir selbst rundum verdächtig, aber immerhin: Woran die anderen litten, darüber konnte ich immer nur mutmaßen, sodass mir die prekäre Verknüpfung von Daten, wie sie im Internet hergestellt wird, gar nicht möglich war. Später fragte ich den Arzt, warum wir zu Nummern geworden seien. Mit Nachdruck sagte er: "Weil es überfällig ist, das Recht auf Anonymität auch in meinem Wartezimmer durchzusetzen!" Das fand ich einleuchtend, und als Erklärung reichte es mir vollauf.

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Der Wunsch nach Anonymität sagt viel über unsere Gesellschaft

Heute wird ja viel über die Anonymität des Lebens in den Städten geklagt, aber natürlich zählt gerade sie zu den stärksten Anziehungskräften, die von diesen ausgehen. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass der Städter eben nicht mit jedem bekannt sein und von allen gekannt werden muss, um sich mit seinen Bedürfnissen und Interessen im urbanen Alltag zu behaupten.

Ich selbst bin freilich einer jener ewigen Provinzler, die es nicht ungern haben, in ein paar Kaffeehäusern, Geschäften oder auf dem Postamt mit ihren Namen angesprochen zu werden. Ich verstehe aber, dass es Leute gibt, die es anders lieber haben, und dass es etwa Klienten der Sozialämter als stigmatisierend empfinden, namentlich zum Schalter gerufen zu werden. Ihr Wunsch, anonym zu bleiben, muss respektiert werden. Auch wenn es nichts Gutes über unsere Gesellschaft aussagt, dass sich Menschen schämen, wenn sie nichts anderes tun, als einzufordern, was ihnen zusteht.

In Wien ist zuletzt viel über eine bürokratische Weisung gestritten worden, deren Zweck es ist, den Einwohnern zur Anonymität zu verhelfen - oder diese über sie zu verhängen. Wie immer, wenn in Österreich eine Sache ansteht, die geteilte Zustimmung findet, haben die Verantwortlichen sich auf angebliche Direktiven der Europäischen Union herausgeredet. Da nutzte es wenig, dass die Kommission in Brüssel unverzüglich klarstellte, dass die ganze Angelegenheit der nationalen Befugnis unterstehe.

Für die Öffentlichkeit blieb es dabei: Schuld an dem Schlamassel ist die "Datenschutzgrundverordnung" der Union, also diese selbst. Diese Verordnung ist aber eine grundvernünftige Sache, mehr noch, ein überfälliger Akt der Notwehr, der dem Menschen des digitalen Zeitalters die Hoheit über das, was von ihm an Daten im Netz gesammelt wird, zurückgeben und den weltweit florierenden Großhandel mit digitalen Daten Regeln unterwerfen soll.

Auch unter den Toten liegt Anonymität im Trend

In Wien ging es jedoch nicht um die virtuelle Welt und die realen Geschäfte, die in ihr gemacht werden, sondern um den Stadtraum und die Frage, was dessen Bewohner voneinander wissen sollen. Nach der Klage eines Mieters hat "Wien wohnen", die kommunale Immobilienverwaltung, damit begonnen, bei allen 20 000 Häusern, die sie betreut, die Namensschilder an der Klingelleiste des Hauseingangs gegen Zahlen auszutauschen: Top 1, Top 2, Top 28 . . . Weil die Gemeindevertretung von Wien in der Ära der Privatisierungen klug und standhaft genug war, die kommunalen Wohnungen nicht zu verscherbeln, hat sie heute immerhin noch 220 000 Wohnungen aufzubieten, die der Immobilienspekulation entzogen sind. Und die nun alle bis Jahresende am Klingelbrett statt Namen Ziffern tragen sollen.

Ich kann mir vielerlei Fälle vorstellen, bei denen das für bestimmte Mieterinnen und Mieter einen Schutz bedeutet. Aber mir gefällt die Vorstellung trotzdem nicht, durch ganze Stadtviertel der Namenlosen zu gehen. Man könnte glauben, die Zivilisation würde sich erst in der Anonymität vollenden! Wer davon überzeugt ist, dass die Anonymisierung des öffentlichen Raumes einen wichtigen Schritt zu dessen Zivilisierung bedeutet, für den ist das erste Recht des Menschen, nämlich einen Namen zu haben und mit diesem geachtet zu werden, allerdings ein Problem, dem man am besten numerisch beikommt.

Zu Allerheiligen war ich übrigens wieder so gesund, dass ich auf den Friedhof gehen konnte. Wo ich auch unterwegs bin, kann ich keinen Ort verlassen, ohne über seinen Friedhof gewandert zu sein, um die Schriftzüge auf seinen Grabsteinen zu entziffern und zu schauen, was mir die Toten über die Lebenden erzählen. Es gibt originelle und schlichte Gräber, aber jedes hat auf dem Kreuz, dem Stein oder der Platte den Namen und das Geburts- und Sterbejahr jenes einen Individuums verzeichnet, dessen Überreste hier liegen.

Das ändert sich jetzt. Immer mehr Menschen wünschen, namenlos bestattet zu werden, sei es, dass ihre Urne im Schatten eines Baumes begraben, sei es dass ihre Asche auf einer Wiese, über einem Fluss verstreut werde. Als würden sie im Abschied von der wirklichen Welt zuwege bringen wollen, was ihnen in der digitalen nicht mehr gelingt - die Daten zu löschen und spurlos zu verschwinden.

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