Anklage im Fall Trayvon Martin Amerika, aufgewühlt von einem Gerichtsprozess

Schusswaffen, das Recht auf Selbstverteidigung, vor allem das Thema Rasse: Den Prozess nach dem Tod von Trayvon Martin hat Amerika am Rande der Besessenheit verfolgt. Der schwarze Gymnasiast war unbewaffnet, als er 2012 erschossen wurde. Nun wartet das Land gespannt auf das Urteil gegen den hellhäutigen Angeklagten - bei einem Freispruch werden bereits Unruhen befürchtet.

Von Nicolas Richter, Washington

Zwischenzeitlich kniete der Staatsanwalt auf dem Boden vor den Geschworenen und würgte eine Puppe aus Schaumstoff. "Kann ich ihre Puppe ausleihen?", bat der Verteidiger, bevor er selbst den Dummy misshandelte. Es waren die letzten Versuche, das nachzustellen, was sich am verregneten Abend des 26. Februar 2012 in Sanford, Florida ereignet hatte. Sie versuchten es mit allen Mitteln, mit Grafiken, Zeitleisten, Telefonmitschnitten, aber dieser Strafprozess, den Amerika wochenlang am Rande der Besessenheit verfolgt hat, er endet ohne Gewissheiten.

Der Angeklagte George Zimmerman, Mitglied einer Bürgerwehr, hatte in der Tatnacht in seinem umzäunten Wohnviertel einen unbekannten, verdächtigen Jungen bemerkt, der aus seiner Sicht Ärger machen wollte. Er folgte dem 17 Jahre alten schwarzen Schüler Trayvon Martin, der ihm bald entgegentrat. Es kam zu Handgreiflichkeiten, und am Ende schoss Zimmerman, damals 28 Jahre alt, seinem Gegner in die Brust. Trayvon Martin starb noch am Tatort. Er war nach Sanford gekommen, um die Freundin seines geschiedenen Vaters zu besuchen.

Wochenlang haben sie nun vor Gericht die Abläufe, die Motive und das Vorleben der Beteiligten zerlegt, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu gelangen. Nun muss die Jury entscheiden: Ist Zimmerman im Sinne der Anklage eines Mordes schuldig, sind seine Motive also besonders verwerflich gewesen, oder handelte er bloß in Notwehr, um sich vor einem halbstarken Rabauken zu retten, der ihm während der Schlägerei die Nase gebrochen und mehrere Wunden am Hinterkopf zugefügt hatte?

"Hätte ich einen Sohn, dann sähe er aus wie Trayvon Martin"

Vor dem Gerichtsgebäude in Sanford, Florida, ist die Stimmung gereizt. Demonstranten fordern "Gerechtigkeit für Trayvon". 

(Foto: dpa)

Der Prozess bietet alles, was so viele Amerikaner leidenschaftlich interessiert: Der Kampf der Guten gegen die Bösen, Segen und Fluch von Schusswaffen, das - in Florida besonders weitreichende - Recht auf Selbstverteidigung und dessen Grenzen. Vor allem aber das Thema, über das im Prozess kaum geredet wurde und das doch allgegenwärtig ist: Rasse. Zimmerman, Sohn eines deutschstämmigen, weißen Amerikaners und einer Latina. Und Trayvon Martin, der schwarze Junge mit dem Kapuzenpulli, von dem sich Zimmerman angeblich bedroht fühlte, obwohl Martin zunächst nur friedlich seines Weges ging, unbewaffnet, in der Tasche nur ein Päckchen der Süßigkeit "Skittles".

Die Jury wird versuchen müssen, scheinbar sachfremde Erwägungen wie Hautfarbe zu ignorieren. Aber letztlich wird das Urteil allein davon abhängen, welche Geschichte die Geschworenen mehr überzeugt hat: Die des Opfers Zimmerman, oder die des Täters Zimmerman. Es ist kaum auszuschließen, dass die Rasse der Beteiligten dabei eine Rolle spielt, und sei es nur im Unterbewussten.