Angeklagter Ex-Pfleger Högel "Ja, wer soll's denn sonst gewesen sein"

Niels Högel, 40, der Krankenpfleger, der mutmaßlich zum Massenmörder wurde. Wegen mehrerer Morde wurde er bereits 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt.

(Foto: Getty Images)
  • Am zweiten Prozesstag befragt das Gericht den angeklagten Ex-Pfleger Niels Högel zu den mindestens 100 mutmaßlich von ihm begangenen Morden.
  • Es ist eine Litanei der Grausamkeit, Fall für Fall - über mehrere Stunden.
  • "Wieso ich so empathielos und eiskalt wurde? Ich weiß es nicht", sagt Högel.
Von Peter Burghardt, Oldenburg

Franziska H. kam nach der Herzoperation mit offenem Brustkorb auf seine Station im Klinikum Oldenburg, Niels Högel erinnert sich gut. Sie ist die Nummer drei der wohl größten Mordserie der deutschen Nachkriegszeit, es war der 26. Juli 2000. Niels Högel, der mutmaßliche Mörder, schaltete den Monitor aus, 30 Sekunden lang wird dadurch der Alarm unterbrochen. So erzählt er es jetzt vor dem Landgericht Oldenburg, 18 Jahre später. Er spritzte Lidocain, das bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird, aber für Frau H. tödlich war. Danach verließ der Krankenpfleger Högel das Zimmer.

Die Reanimation sei dann nicht erfolgreich gewesen, stellt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann fest. "Das bedeutet, Frau H. ist gestorben." Högel: "Ja."

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Ein trüber Tag in Oldenburg. Man stellt sich drinnen im fensterlosen Saal der Weser-Ems-Halle die Gesichter der Opfer vor, ihr Leben, ihre Geschichte, als stundenlang Mord für Mord durchgegangen wird. Auf den beiden Monitoren ist aber nur der Angeklagte zu sehen, der hier vor der Strafkammer als Schwurgericht sitzt und endlich ausführlich spricht: Niels Högel, 40, der als Krankenpfleger zum Massenmörder wurde. Er trägt eine schwarze Sportjacke, sein fülliges, bärtiges Gesicht ist bereits aus anderen Prozessen bekannt, er wurde wegen mehrerer Morde schon 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun geht es also um weitere gut 100 Morde zwischen 2000 und 2005, Tat für Tat.

Man habe in jedem einzelnen Fall zu entscheiden, erläutert Bührmann, "nicht pauschal". Er richtet sich bei seiner Einführung an die vielen Nebenkläger und Angehörigen der Toten, vor allem ihretwegen und wegen der Reporter zog das Gericht in diese Halle. Die bloße Zahl der Morde, vielleicht sogar noch deutlich mehr als 100, ist ja so unfassbar, dass sie die Schicksale zu überfrachten schien. Das ändert sich in diesen Tagen zumindest ein bisschen, darauf haben die Hinterbliebenen lange gewartet.

Fall eins an diesem Morgen ist Else Sch., sie starb am 7. Februar 2000, in ihrem Körper wurde ebenfalls Lidocain gefunden. Mehr als 100 Leichen waren exhumiert worden, mit seinen Überdosen könnte Niels Högel sogar noch mehr Menschen umgebracht haben. Högel bekam alle dokumentierten Fälle auf einem gesicherten Laptop ins Gefängnis geliefert, er sollte nach all den Jahren die Morde oder versuchten Morde, die ihm vorgeworfen gehen, noch mal durchgehen.

Habe er eine Erinnerung bei Else Sch.? "Nein", erwidert Högel, worüber sich Bührmann wundert, weil das erste Mal doch "so'n Dammbruch" gewesen sein müsse. Högel war damals seit acht Monaten in Oldenburg im Dienst, später soll er in Delmenhorst weitere Todesspritzen gesetzt haben. Habe es bei Else Sch. "Manipulationen" gegeben, wie das im Juristendeutsch genannt wird? "Ausschließen kann ich das nicht", sagt er. Mal weiß er nicht, ob und wenn ja was er injiziert hat, es geht um Mittel wie Lidocain, Kalium oder Ajmalin. Mal weiß er es genau. Franziska H.? "Ja, ich habe eine Erinnerung an Patientin, Krankengeschichte und Manipulation." Warum sie? Weshalb an diesem Tag? Das habe "viele emotionale, psychologische Gründe", antwortet Högel. Außerdem: "Das Medikament hat gepasst." Das sagt er öfter: "Und dann hab' ich halt geguckt, ob es passt."

"Nervenkitzel, das Gefühl des Retters, wenn es geklappt hat?"

Anfangs habe er auf die Diagnose geachtet und darauf, nicht aufzufallen. Später ging es offenbar immer mehr nur noch darum, einen Patienten in einen lebensbedrohlichen Zustand zu versetzen. Die Entscheidungen seien in Sekunden gefallen. Es folgte der Versuch der Wiederbelebung, der mal gelang und häufig nicht. Lob und Anerkennung habe er gesucht, sagt Högel, das wusste man schon. Er berichtet auch von seinem Valium-Konsum und von Imponiergehabe, um einer Schwester zu gefallen, mit der er eine Liaison hatte. "Nervenkitzel, das Gefühl des Retters, wenn es geklappt hat?", will Bührmann wissen.

"Ja, genau." Trauer, Mitgefühl? "Eher Empathielosigkeit", sagt Högel. Woher die Empathielosigkeit komme? "Die Frage stelle ich mir auch oft", er sei ja nicht ohne menschliche Nähe oder Werte aufgewachsen. "Wieso ich so empathielos und eiskalt wurde? Ich weiß es nicht." Nur einmal sei er berührt gewesen, wegen der Familie einer Patientin. Was er jetzt fühle? "Scham, teilweise Ekel vor mir selbst. Jeder Fall tut mir unendlich leid, auch wenn man es nicht merkt."

Gelegentlich reibt Högel sich die Augen. Ansonsten reagiert er vorbereitet, ungerührt, fast mechanisch auf die Fragen von Richter, Sachverständigen, Anwälten. Das Risiko aufzufliegen, sah er bis zuletzt kaum, "es war ein Spiel mit dem Feuer, aber ich fühlte mich sicher". Er erzählt auch von einer bösen Kollegin und einem Arzt, der bei einer Herzdruckmassage einer Patientin so zusetzte, dass die Rippe brach und in eine Herzkammer eindrang. Das soll wohl das Bild chaotischer Zustände vermitteln. Als Pechvogel hätten ihn die Kollegen betrachtet, wenn wieder eine Reanimation misslang. "Kopf hoch, weiter."

Er machte weiter. Aus manchen Phasen ist täglich ein Fall bekannt, die Befragung vor Gericht wird nach Stunden zur schaurigen Routine. Erika S., 2. März 2001, Ajmalin. Wilhelm W., 3. März 2001, Lidocain. Ursula J., 4. März 2001, Ajmalin. Der Richter fragt, Högel antwortet. Vieles gibt er zu, manches nicht, manchmal zweifelt er. "Ja, wer soll's denn sonst gewesen sein", sagt er einmal, als es um einen unklaren Fall geht. "Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so was tut." An diesem Mittwoch soll er weiter aussagen, das Urteil wird im Mai 2019 erwartet

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