bedeckt München 26°

Angehörige der Malaysia-Airlines-Passagiere:Unerschütterlicher Glaube an ein Wiedersehen

Malaysian Airlines missing aircraft

Sie wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben: Angehörige der verschollenen Passagiere haben ein Modellflugzeug mit guten Wünschen für die Vermissten beschrieben.

(Foto: dpa)

"Ohne physischen Beweis ist es viel schwieriger, einen Verlust zu akzeptieren": Noch immer gibt es keine Spur vom verschollenen Flug MH370. Für die Angehörigen ist das Warten eine extreme Belastung.

Von Arne Perras, Singapur

Dutzende Angehörige der verschwundenen Passagiere kamen nach Kuala Lumpur, weil sie hofften, dort am schnellsten zu erfahren, was wirklich geschah mit dem Flug MH370. Stattdessen erleben die Familien der Vermissten seit einer Woche, wie sich Behörden in eine endlose Kette von Vermutungen, Spekulationen und Widersprüchen verstricken. Kein einziges Wrackteil war bis Freitagnachmittag entdeckt worden, das womöglich etwas über das Schicksal der Menschen an Bord erzählen könnte.

Es ist diese quälende Unsicherheit, die zu extremen Belastungen der Betroffenen führt: "Ohne das Wissen, was passiert ist, und ohne jeden Fund fällt es schwer, sich mit dem Verschwinden abzufinden", sagt der Psychologe und Therapeut Daniel Koh in Singapur. "Da kann Trauer sehr kompliziert werden."

Im Fall der verschollenen Boeing 777 ist das zu untersuchende Gebiet noch einmal ausgeweitet worden. Die Suche konzentriert sich jetzt auf Teile des Indischen Ozeans, Experten prüfen nun eine Theorie, wonach das Flugzeug noch bis zu vier Stunden lang Richtung Westen geflogen sein könnte, nachdem es den letzten bekannten Funkspruch im Golf von Thailand gab. Die USA schicken einen Zerstörer in die Region, das indische Militär sucht bereits mit mehreren Schiffen.

Manche Angehörige der Verschollenen sind indessen wieder abgereist aus Kuala Lumpur, zum Beispiel der Inder Prahlad Shirsath, dessen Frau am Samstagmorgen in die Boeing 777-200 von Malaysia Airlines eingestiegen war. Sie sagte zu ihm: "Wir sehen uns." Das war das Letzte, was Shirsath von ihr hörte - und daran möchte er auch weiter glauben.

Last der sozialen Netzwerke

Der Zeitung Straits Times sagte der Ehemann fünf Tage nach dem Verschwinden: "Ein Flugzeug kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen. Wir wissen nicht, was da los ist, aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Wir können es nicht." Zu Hause in Indien wird er sich jetzt um die beiden Söhne kümmern, die noch zur Schule gehen. Sein Bruder sagt, dass die Maschine ja vielleicht doch entführt wurde, er glaubt, dass seine Schwägerin noch lebt. "Ohne physischen Beweis ist es viel schwieriger, einen Verlust zu akzeptieren," sagt Psychologe Koh. "So dünn die Hoffnung auch sein mag, die Menschen werden sich stets daran klammern."

Wenn aber ständig neue Spekulationen auftauchen, steigert das die Not der Angehörigen. Die sozialen Netzwerke, in denen abstruse Theorien über das Flugzeug debattiert werden, erweisen sich für die Angehörigen dann immer weniger als Informationsquelle und immer mehr als Last. Hoffnung und Frust wechseln bei der Online-Lektüre schnell ab. "Es ist schwer, den Betroffenen zu sagen: Hört da nicht hin", sagt Koh.

"Alle sind ja miteinander verbunden." Die meisten der verschollenen Passagiere haben chinesische Pässe, die Airline bot an, Angehörige von Peking nach Kuala Lumpur zu bringen, aber viele blieben dann doch lieber in China, sie wollten die Heimat nicht verlassen, wo wenigstens Freunde und Verwandte waren, um Trost zu spenden. In den ersten Stunden nach dem Verschwinden mussten am Flughafen in Peking viele noch zusätzlich leiden, als sie, wartend und bangend, in einen kleinen fensterlosen Raum abgeschoben wurden, in dem es nicht einmal genügend Stühle für alle gab.

Ein Mann brachte 100 Familien zusammen, um eine gemeinsame Petition zu verfassen und Hilfe vom chinesischen Staat zu erbitten. Am nächsten Tag gab es dann doch mehr Platz und Aufmerksamkeit. "Es ist in solchen Situationen wichtig, dass Behörden und Airline ein Klima des Vertrauens schaffen und sich nicht starr ans Protokoll halten", sagt Psychologe Koh. Anfangs war das Chaos groß, in Peking und in Kuala Lumpur, aber Malaysia Airlines hat dann doch reagiert und Mitarbeiter für die Familien abgestellt, medizinische Hilfe und psychologische Betreuung der Angehörigen ermöglicht.

Ob es jemals Gewissheit geben wird, was auf dem Flug MH370 geschah, ist nach wie vor unklar. Experten betonen, dass noch jedes vermisste Großraumflugzeug in der jüngeren Geschichte irgendwann gefunden wurde, auch wenn es mal etwas länger dauerte. Vielleicht ist diese vage Aussicht nun der einzige Trost, der den Angehörigen noch bleibt.

© SZ vom 15.03.2014/fran

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite