Süddeutsche Zeitung

Amokfahrt in Münster:Viele Spuren, viele Fragen

  • Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Amokfahrer von Münster ein Strafverfahren wegen Mordes aufgenommen.
  • Die Ermittler wollen eine Art Bewegungsprofil des Täters erstellen, sie suchen nach Spuren zu Mitwissern oder möglicherweise sogar zu Helfern.
  • Wie Jens R. wirklich war, was ihn umtrieb, wird schwierig zu rekonstruieren sein.

Nachdem Jens Alexander R., 48, am Samstag mit einem Campingbus in der Münsteraner Innenstadt in eine Menschenmenge gefahren war, zog er seine Pistole, Kaliber 7.65. Acht Schuss. Er richtete die schwarze Handwaffe gegen sich und war sofort tot. Sieben Patronen steckten noch im Magazin.

Eine 51-jährige Frau und ein 65-jähriger Mann wurden bei der Amokfahrt getötet. 25 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schweben noch in Lebensgefahr. Die Waffe, die Jens Alexander R. gegen andere Menschen einsetzte, war sein Auto, nicht seine Pistole.

Da der gelernte Designer R. aber weder eine Waffenbesitzkarte noch einen Waffenschein hat, beschäftigen sich Münsteraner Ermittler in diesen Tagen auch mit der Frage, wie er an diese Waffe gelangt ist. Sie stammt aus einer Fabrik des serbischen Waffenherstellers Zastava, aber es wird wohl nicht leicht sein, den Weg der Pistole zurückzuverfolgen. Aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien stammen viele der Waffen, die auf schwarzen Märkten in Deutschland im Umlauf sind. Falls der Waffenhändler dennoch gefunden werden sollte, droht ihm ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Mehr wohl nicht.

Die Amokfahrt in Münster ist, strafrechtlich gesehen, anders als der Anschlag des David S. im Juli 2016 in München zu bewerten. Der 18-Jährige hatte sich über das sogenannte Darknet eine Pistole und mehrere Hundert Schuss Munition besorgt. Mit dieser Pistole tötete er neun Menschen und erschoss sich dann. Der Verkäufer dieser Waffe wurde nach langen Ermittlungen gefasst. Anfang des Jahres wurde er in München wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen sowie illegalen Waffenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Am 29. März verschickte er seine krude Mail, die Polizei suchte ihn - und fand ihn nicht

Strafrechtlich gesehen ist der Fall Münster alles in allem recht kompliziert. Die Staatsanwaltschaft leitete am Montag ein Strafverfahren gegen den toten Jens Alexander R. wegen Verdachts des Mordes ein. Als er in die Menge fuhr, war er ja noch am Leben. Das Verfahren wird am Ende eingestellt werden, aber vielleicht finden sich noch Spuren zu Mitwissern oder möglicherweise sogar zu Helfern.

Die Aufarbeitung des Falles wird dauern. Die Ermittler, zwei Staatsanwälte und eine große Zahl von Kriminalbeamten, wollen eine Art Bewegungsprofil des Täters erstellen. Es geht darum, die letzten Wochen des Jens Alexander R. nachvollziehen zu können. Er war in Dresden und in Pirna im Osten Deutschlands gemeldet. Die meiste Zeit hat er sich offenbar in Münster aufgehalten. Eine innere Heimat scheint er aber nicht gehabt zu haben. Der 48-Jährige war ein kranker Mann, psychisch sehr labil, wie seine Hinterlassenschaft zeigt.

In langen Mails gab er, wie berichtet, allen möglichen Leuten die Schuld für seine vielen Probleme, die er offenkundig spürte. Vor allem seine Eltern und Ärzte hat er wüst beschimpft.

Offenbar hat er sich auch am Ende intensiv mit der Frage beschäftigt, ob er Suizid begehen solle. Dass er suizidale Gedanken hatte, geht zum einen aus einem Abschiedsbrief hervor, den er am 29. März massenweise verschickte. Die Polizei erfuhr von der Mail, suchte die Wohnung von Jens Alexander R. auf, fand ihn aber nicht. Auch die Polizei in Sachsen, wo er sich manchmal aufhielt, wurde informiert. Auch dort war er nicht. Auf Suizidgedanken weist zum anderen hin, dass in einer seiner Wohnungen ein über einen Balken gelegtes Hanfseil mit Henkersknoten gefunden wurde. Nach dem Stand der Ermittlungen seien die Behörden sicher, dass der Todesfahrer in Suizidabsicht handelte, teilte die Oberstaatsanwaltschaft in Münster am Montagabend mit. Aber in seiner Wohnung in Münster sind auch Gasflaschen sowie Kanister mit Bioethanol und Benzin sichergestellt worden.

Wollte er eine Bombe bauen? In seinen Lebensbilanzen, die jetzt ausgewertet werden, zeichnet er von sich das Bild eines Mannes, der jähzornig sein konnte, aber Gewalt gegen Menschen angeblich ablehnte. Vor vier Jahren hat er, wie er vor gut einem Jahr schrieb, "verzweifelt" Mobiliar in der Wohnung seiner Eltern mit dem Beil "zerstört". Sein Vater habe sich ihm in den Weg gestellt. "Ich fasste ihn aber nicht an." Dann kam die Polizei. Ein Strafverfahren wegen Bedrohung wurde eingeleitet und dann wieder eingestellt.

Der Vater selbst äußerte sich am Montag zu seinem Sohn: "Das Motiv war die Krankheit in seinem Kopf." Sein Sohn sei in psychiatrischer Behandlung gewesen.

"Nichts verloren"

Die CSU hat die AfD-Politikerin Beatrix von Storch zum Verzicht auf ihr Bundestagsmandat aufgefordert. CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte am Montag vor einer CSU-Vorstandssitzung in München zu den islamfeindlichen Tweets Storchs zur Amokfahrt von Münster, "wer dieses Ereignis in der Weise ausschlachtet, wie es Frau von Storch getan hat, der hat in einem Parlament in Deutschland nichts verloren". Für die CSU gebe es deshalb an die AfD-Politikerin nur eine Botschaft: "Wenn Frau von Storch auch nur einen Funken Anstand und Verstand noch hat, dann sollte sie ihr Mandat im Deutschen Bundestag zurückgeben", sagte Blume. Auch CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer forderte eine Klarstellung: "Die entscheidende Frage an die AfD und die Führung der AfD ist, inwieweit sie solche Mitglieder in ihren Reihen in der Bundestagsfraktion und an prominenter Stelle in der Partei duldet." Die bereits wiederholt durch streitbare Tweets aufgefallene Storch hatte gleich nach den ersten Meldungen über die Amokfahrt bei Twitter nahegelegt, ein Flüchtling sei für die Tat verantwortlich. Später legte sie nach, der Täter sei ein "Nachahmer" islamistischer Gewalttäter. AFP, Reuters

Ärzte und Psychiater werden von der Polizei zu Jens Alexander R. befragt werden. Der Münsteraner Polizeipräsident Hajo Kuhlisch hat das Fazit aller Ermittlungen schon am Sonntag prognostiziert: "Die Ursachen für die Ausführung der Tat" sagte er, seien in der "Persönlichkeit" von Jens Alexander R. "begründet".

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst suizidgefährdet fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe.

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Quelle:
SZ vom 10.04.2018/leja
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