Brasilien:Tage des Feuers

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Bolivien setzt eine US-amerikanische Boeing 747 über den Bränden ein. (Foto: AFP)
  • Nach den verheerenden Bränden im Amazonasgebiet hat Brasiliens Militär begonnen, über den Brandflächen mit Hercules-Transportmaschinen Wasser abzuwerfen.
  • Experten allerdings meinen: Im Grunde könne man nur auf Regen hoffen, um die Brände in den Griff zu bekommen.
  • Derweil ermittelt die Polizei gegen die Organisatoren des sogenannten "Tag des Feuers".

Von Julian Erbersdobler und Sebastian Schoepp, München

Angesichts der verheerenden Brände in Amazonien wächst der Druck auf Brasilien, seine Umweltpolitik zu ändern. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas plädiert nun dafür, Brasilien über das Handelsabkommen mit dem Mercosur zu mehr Klimaschutz zu bewegen. "Die Tatsache, dass das Mercosur-Abkommen endlich einer Lösung zugeführt wurde, gibt uns auch Möglichkeiten und Druckmittel, auf das Einfluss zu nehmen, was dort geschieht", sagte der SPD-Politiker am Montag. Es gebe bestimmte Werte und Standards, "ohne die es mit uns nicht gehen wird". Ähnlich hatte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geäußert.

Von Angela Merkel hingegen ist bekannt, dass sie Abkommen nicht für ein geeignetes Druckmittel hält. Die EU hat sich mit dem Mercosur, dem Brasilien angehört, auf das größte Freihandelsabkommen der Welt geeinigt. Brasiliens Militär hat begonnen, über den Brandflächen mit Hercules-Transportmaschinen Wasser abzuwerfen. Gleichzeitig ermittelt die Polizei gegen die Organisatoren des sogenannten Tags des Feuers. Lokale Medien hatten berichtet, Farmer hätten sich abgesprochen, große Flächen gleichzeitig in Brand zu setzen, um Platz für Weiden und Sojaanbau zu schaffen. Justizminister Sérgio Moro twitterte: "Kriminelle Brandstiftung im Amazonasgebiet wird hart bestraft."

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Brasiliens Präsident setzt nun auf das Militär zur Bekämpfung der Feuer, verbittet sich jedoch weiter zu viel Einmischung. Die Gouverneure der Bundesstaaten im Amazonasgebiet bitten um Hilfe.

Das ist ein neuer Ton, denn Präsident Jair Bolsonaro hat Farmer bisher eher ermuntert, Fakten zu schaffen. So soll das Umweltministerium von dem geplanten "Tag des Feuers" gewusst, aber nichts unternommen haben, wie der in Brasilien lebende Investigativreporter Glenn Greenwald twittert. Die Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro, Annette von Schönfeld, kann auch keinen politischen Kurswechsel erkennen. "Die Regierung Bolsonaro hat eigentlich kein umweltpolitisches Denken", sagte sie.

Die Entsendung von 44 000 Soldaten in die Waldbrandgebiete wirkt denn auch eher wie eine Machtdemonstration, um die Hilflosigkeit zu überdecken. Sie haben nicht die richtige Ausrüstung und können allenfalls versuchen, das Legen neuer Brände zu verhindern. Die Länder des G-7-Gipfels boten am Wochenende technische Hilfe und Geld an, 20 Millionen Dollar. In einem zweiten Schritt solle im September bei der UN-Vollversammlung eine Amazonas-Initiative gestartet werden - obwohl Bolsonaro immer wieder betont, dass er Einmischung von außen nicht akzeptiert. "Wir können nicht hinnehmen, dass Präsident Macron unangebrachte Angriffe auf das Amazonasgebiet fährt und seine Absichten hinter einer ,Allianz' der G7-Staaten zur ,Rettung' des Amazonasgebiets versteckt, als ob wir eine Kolonie oder Niemandsland wären", twitterte der Staatschef. Anders die Nachbarländer: Kolumbien bat um Hilfe, Bolivien setzt seit dem Wochenende eine US-amerikanische Boeing 747 mit dem Namen supertanque ein, die mehr mehrmals täglich 75 000 Liter Wasser über den Bränden in Amazonien und der Chiquitanía abwirft.

Doch auch das ist angesichts des Ausmaßes der Brände nicht viel mehr als ein Tropfen, zumal am Montag Satellitenbilder eine Vielzahl neuer Feuer zeigten, wie O Globo berichtete. Die Brandbekämpfung in einem derart großen Gebiet sei überhaupt schwierig, sagt Alexander Held, Experte für Wald, Feuer- und Wildtier-Management im Bonner Büro des European Forest Institute. "Da braucht es enorme Ressourcen", diese hätten die betroffenen Länder aber nicht. Im Amazonasgebiet werde enorm viel Biomasse produziert, die durch die außergewöhnliche Trockenheit zu Brennmaterial werde. "Die Brände unter diesen Umständen unter Kontrolle zu kriegen, wird in der Praxis nicht funktionieren." Im Grunde könne man nur auf Regen hoffen. "Es wird besser werden, sobald sich das Wetter ändert."

Bis dahin müssen die Brandbekämpfer auf andere Methoden zurückgreifen: "Bei uns würde man Wasserleitungen legen und Wasserwerfer aufbauen", sagt Held. In Brasilien bleibe nichts übrig, als Schneisen zu schlagen, Vorfeuer und Gegenfeuer zu legen, die brennbares Material vernichten und so "verhindern, dass ein Wildfeuer überspringen kann". Löschflugzeuge würden zwar medienwirksam eingesetzt, "aber wenn wir uns das Ganze auf einem Satellitenbild anschauen, dann könnten auch hundert Flugzeuge oder mehr am Himmel sein, und es wäre trotzdem mehr oder weniger nur symbolisch". Brandrodung, so der Experte, sei in Urwaldgebieten üblich. "Es wird sicher nicht dazu kommen, dass der brasilianische Einwohner auf dem Land plötzlich auf den Einsatz von Feuer verzichtet." Der Staat müsste an der Aufklärung arbeiten, wie man Feuer in der Landwirtschaft sinnvoll einsetzt.

Entwicklungsminister Gerd Müller forderte, nach dem Löschen an die Brandverhinderung zu denken. Von 2020 an müssten jährlich 100 Milliarden Dollar für Klimaschutzprogramme investiert werden, in Brasilien, in Indonesien oder im Kongo, sagte er der Augsburger Allgemeinen.

Das wäre auch im Sinne der Gouverneure der betroffenen Regionen Brasiliens, die eine Wiederaufnahme der Aktivitäten des von Deutschland und Norwegen finanzierten Amazonasfonds fordern. Dieser bezahlt Projekte zum Waldschutz. Weil Bolsonaro jedoch Aktivitäten des Fonds blockierte, haben Deutschland und Norwegen ihre Beiträge vorerst ausgesetzt.

© SZ vom 27.08.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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