Amanda Knox verhandelt über Buch:Advocatus Angeli

Amanda Knox will ihre Geschichte zu Papier bringen, Robert Barnett sorgt dafür, dass die frühere Mordverdächtige ordentlich daran verdient. Der schillernde Jurist verhalf schon Barack Obama und George W. Bush zu lukrativen Buch-Deals - und half dabei, dass George Bush senior seine Präsidentschaft an Bill Clinton verlor.

Johanna Bruckner

Ein bizarrer Mord, eine attraktive Tatverdächtige, ein spektakulärer Prozess, erst eine umstrittene Verurteilung und dann ein nicht minder umstrittener Freispruch. Die Geschichte der Amanda Knox bietet Stoff für mindestens einen Hollywood-Blockbuster - oder einen internationalen Bestseller. Genau den hat die junge Amerikanerin nun selbst in Angriff genommen: Knox, die von den Medien als "Engel mit den Eisaugen" bezeichnet wurde, hat dafür einen der ausgebufftesten Verhandler engagiert: Robert Barnett gibt den Advocatus Angeli.

Knox, the U.S. student convicted of murdering her British flatmate Meredith Kercher in Italy in November 2007, arrives in court for her appeal trial session in Perugia

Amanda Knox geht unter die Autoren: Zwei Monate war die Amerikanerin weitgehend aus den Medien verschwunden - nun scheint die 24-Jährige bereit für die öffentliche Vergangenheitsbewältigung.

(Foto: REUTERS)

Der 65 Jahre alte Anwalt aus Washington hat bereits für zahlreiche Prominente lukrative Buch-Deals abgeschlossen und so darf getrost behauptet werden, dass auch Knox auf dem besten Wege ist, ihr Schicksal zu vergolden. Das meistbietende Verlagshaus wird wohl einen hohen einstelligen Millionenbetrag für die Rechte bezahlen müssen, vermuten Experten.

Gewiefter Verhandlungskünstler

Dass diese Zahlen kursieren, bevor die ersten Gespräche stattgefunden haben, ist nicht einmal so sehr Knox' Geschichte zuzuschreiben, sondern vielmehr Barnetts Verhandlungsgeschick. Dieses hat US-Präsident Barack Obama schon genauso in Anspruch genommen wie sein Vorgänger George W. Bush. Auch die 2009 erschienenen Memoiren des legendären Senators Edward Kennedy hat Barnett auf den Weg gebracht, ebenso half er der Rechtsaußen-Ikone Sarah Palin, ihre literarischen Ergüsse möglichst profitabel zu verkaufen.

Amerikas Polit-Elite lässt sich von Barnett jedoch nicht nur in Vertragsverhandlungen vertreten, der Jurist ist auch ein gefragter Debatten-Coach: Wenn es um die Vorbereitung auf Fernsehduelle geht, ist er der bevorzugte Sparringspartner der Washingtoner Politiker. Die rhetorischen Fähigkeiten des Strippenziehers aus Illinois soll auf seine Mitgliedschaft im Debattier-Klub der Highschool zurückgehen.

Besonders gefragt sind seine Imitationen von George Bush senior: Zweimal, 1988 und 1992, schlüpfte er in die Rolle Bushs, um den jeweiligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten - Michael Dukakis und Bill Clinton - fit zu machen für den Fernseh-Showdown gegen Bush.

Nachdem Bush senior beim TV-Duell gegen Clinton unterlag, soll er Barnett eine Nachricht geschickt haben, aus der große Anerkennung spricht: "Das Problem mit Dir, Bob, ist, dass Du mich einfach zu gut spielst." Clintons Frau Hillary ließ sich bei ihrer Präsidentschaftskandidatur ebenfalls von Barnett coachen.

Die Dienste des Juristen sind freilich gut bezahlt: Sein Stundensatz liegt der Washington Post zufolge bei 975 Dollar, umgerechnet etwa 730 Euro. Barnetts Mandanten bezahlen das üppige Honorar jedoch klaglos und nehmen ihm auch seinen geschäftlichen Opportunismus nicht übel. Der Anhänger der Demokratischen Partei zeigt keinerlei Skrupel, auch Republikanern beratend zur Seite zu stehen.

"Als Arzt und Demokrat hilfst du einem Patienten, wieder gesund zu werden. Diese Person kann dann später andere Patienten attackieren, die du auch behandelt hast. Aber dein Job ist es, allen Menschen zu helfen - und das ist es auch, was ich als Anwalt tue", erläuterte Barnett 2010 der Washington Post. "Ich helfe Sarah Palin, aber ich helfe auch Barack Obama. Damit habe ich kein Problem."

Lagerübergreifende Anerkennung

Politische Freunde hat Barnett mit seinem Engagement für das feindliche Lager noch nicht verloren: "Niemand zweifelt Bob Barnetts tiefe Überzeugen an", zitiert die Zeitung einen demokratischen Senator.

Ebenfalls kein Problem hat Barnett offenkundig auch mit Klienten mit krimineller Vergangenheit. So verhalf er dem geständigen Mörder Wilbert Rideau zu einem lukrativen Buch-Projekt. Der Straftäter hatte als Jugendlicher bei einem Banküberfall eine Frau erschossen und mehr als 40 Jahre im Gefängnis, darunter auch in der Todeszelle, verbracht. In einem späteren Prozess wurde der Tatvorwurf von Mord auf Totschlag herabgestuft. Hinter Gittern entdeckte Rideau seine Leidenschaft fürs Schreiben und machte sich einen Namen als Journalist für Knast-Geschichten.

Insofern passt auch Amanda Knox in Barnetts Portfolio. Die amerikanische Austauschstudentin war 2009 in Italien des gemeinschaftlichen Mordes an ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher schuldig gesprochen worden. In einem zweiten Prozess entschied ein Berufungsgericht im Oktober dieses Jahres jedoch anders und sprach die junge Frau frei. Zuletzt trat Knox unmittelbar nach ihrer Rückkehr in die USA öffentlich auf: Noch am Flughafen von Seattle gab das angebliche Justizopfer ein tränenreiches Interview.

Nach zweimonatiger Medienabstinenz ist der "Engel mit den Eisaugen" nun also bereit für die öffentliche Vergangenheitsbewältigung. Bis das Knox-Buch erscheint, dürfte es wohl noch eine Weile dauern - einer freut sich dagegen schon heute: Robert Barnett. Seine Stechuhr läuft.

© sueddeutsche.de/leja/odg
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