Amanda Knox in Italien "Ich bin zurückgekommen, weil ich musste"

Amanda Knox während der Podiumsdiskussion in Modena.

(Foto: AFP)

Zweimal wurde die Amerikanerin in Italien wegen Mordes verurteilt und am Ende freigesprochen. In Modena versucht sie jetzt den Befreiungsschlag. Ein polarisierender Besuch, der Knox sichtlich schwer fällt.

Von Carolin Gasteiger, Modena

Sie ist zurück. Zum ersten Mal seit acht Jahren ist Amanda Knox wieder in Italien. In dem Land, in dem die Amerikanerin vor mehr als elf Jahren die schönste Zeit ihres Lebens verbringen wollte. Und in dem dann die schlimmste Zeit ihres Lebens folgte. "Italien", sagt Amanda Knox in Modena mit zitternder Stimme, "ist ein Teil von mir geworden."

Mit 20 Jahren wurde die Studentin aus Seattle, die ein Jahr in Perugia verbrachte, zusammen mit ihrem damaligen Freund verdächtigt, ihre britische Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet zu haben. Zwei Mal wurde sie zu langen Haftstrafen verurteilt, vier Jahre saß sie im Gefängnis. 2015 wurde Knox mangels hinreichender Gründe für eine Anklage vom Obersten Kassationsgericht in Rom endgültig freigesprochen. Aber was strafrechtlich Bestand hatte, galt nicht für die öffentliche Meinung. Amanda Knox wurde bei ihrer Abreise in Italien gehasst, in ihrer Heimat Amerika gefeiert. Bis heute erreichen sie Beleidigungen, Hassmails, Morddrohungen. Ihre neuerliche Ankunft in Italien kündigte Amanda Knox auf Twitter mit den Worten an: "Ich kehre als freie Frau nach Italien zurück."

Ist es nun also eine gute Idee, Amanda Knox nach Modena zu einem Festival der Strafjustiz ("Festival giustizia penale") einzuladen? In den Lokalblättern der Stadt empfinden es die einen als unnötige Reality Show, die anderen als echten Erkenntnisgewinn. In jedem Fall polarisiert der Besuch.

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Offenbar ist sich dessen auch Guido Sala, Rechtsanwalt und einer der Veranstalter, bewusst und beantwortet obige Frage am Samstag vorauseilend. "Amanda Knox ist eine Ikone massenmedialer Prozesse." Alle erinnerten sich an das mediale Bombardement, das Knox zwischen 2007 und 2008 habe durchleben müssen. Internationale Medien nannten Knox damals aufgrund ihres starren Blicks "Engel mit Eisaugen". Weil sie sich auf dem Polizeirevier und am Tatort nicht gleich so verhielt, wie von ihr erwartet wurde, kam bald der Spitzname "Foxy Knoxy" auf.

Nun ist Amanda Knox zurück in Italien und es ist ihr anzusehen, dass die Situation nicht einfach ist. Bereits, als sie noch gar nicht selbst spricht, sondern nur neben weiteren Gästen auf dem Podium Rechtsanwalt Sala zuhört, fängt ihre Unterlippe an zu beben. Als sie selbst ans Rednerpult tritt, muss sie durchatmen. "Ich bin sehr nervös, Entschuldigung." Ihren 45-minütigen Vortrag hält sie auf Italienisch, aber es liegt nicht an der fremden Sprache, dass sie immer wieder pausieren muss. Ihr Italienisch klingt sehr gut. Ihre Erlebnisse mit der italienischen Polizei, die sie vier Tage lang verhörte, ihre Erfahrungen im Gefängnis und was sie sich von den Medien vermisst hatte (kritisch nachzufragen statt sie vorzuverurteilen) - all das belastet Amanda Knox sichtlich.

Man fragt sich, wie viel Überwindung es sie kosten muss, vor Rechtsprofessoren, Jurastudenten und interessierten Bürgern zu sprechen. Am Vortag saß sie bei einer Veranstaltung im Publikum, als ihr das Blitzlicht von der Empore herunter so zusetzte, dass sie den Raum verlassen musste.

Die 31-Jährige hat noch immer Angst

An einer Stelle muss sie ihre Rede ganz abbrechen. Sie erzählt, wie ihr Vater bei einem Gefängnisbesuch geweint habe und ihr, die ihren Vater zuvor noch nie hatte weinen sehen, bewusst geworden sei, wie schwerwiegend die Situation sei. Sie bringt kein verständliches Wort mehr heraus, schließt die Augen, schluchzt in ein Taschentuch. In die Stille hinein leuchten von oben in hoher Frequenz die Blitzlichter der Fotografen auf.

Amanda Knox kam nicht aus eigenem Antrieb zurück nach Italien. Als ihr Fall 2014 wiederaufgenommen wurde, soll sie Reportern erzählt haben, niemals zurückkehren zu wollen. Zwar hatte Knox das Anfang des Jahres relativiert und in einem Interview gesagt, sie wolle irgendwann nach Perugia zurückkehren, um abzuschließen. Aber sie habe noch nicht die Kraft dazu. Diese Kraft hat ihr nun das Innocence Project gegeben, eine amerikanische Initiative, die sich um die Aufklärung von Justizirrtümern kümmert und sie zu dem Festival in Modena eingeladen hat. Über das Projekt habe sie erstmals gemerkt, nicht allein zu sein. "Wir hatten nicht viel gemeinsam", berichtet sie, "aber wir waren alle unschuldig und wurden behandelt, als seien wir schuldig." Hier habe sie sich nicht rechtfertigen müssen. Nun kämpfe sie dafür, dass die Welt gerechter wird. Von den Vorbehalten, gar von dem Hass, der ihr allein über soziale Medien immer noch täglich entgegenschlägt, ist in Modena nichts zu spüren. Immer wieder applaudiert das Publikum, am Ende zollt es Amanda Knox stehend und klatschend Respekt.

Amanda Knox sagt von sich, sie sei immer noch eine kontroverse Figur. Sie habe Angst, sagt sie auf dem Podium. Angst, belästigt zu werden, festgesetzt. Aber sie habe vor allem Angst, den Mut zu verlieren. Und doch trägt sie einzelne Passagen mit kämpferischer Stimme vor. Sie will gehört werden. In ihrer Heimat hat sie ihre Memoiren verfasst, die ein Bestseller wurden und arbeitet inzwischen als freie Journalistin. In "The Scarlett Letter Report" auf Facebook spricht sie mit Frauen, die unfair behandelt und unschuldig verurteilt wurden. Auf die Frage, ob sie selbst nicht auch Profit aus ihrer Geschichte ziehe, antwortet Knox: "Viele Autoren haben schon über mein Leben geschrieben. Ich bin nur eine davon."

Nicht nur in Italien reagierte man besorgt auf Knox' Besuch. Man habe sie gewarnt, dass sie nicht sicher sei, dass sie auf der Straße angegriffen werden könnte, erzählt sie. Die Familie des Mordopfers sagte im Vorfeld, mit ihrem Auftritt reiße Knox alte Wunden wieder auf. Und der Anwalt der Familie Kercher sagte, er würde sich an Knox' Stelle still verhalten. "Ich bin zurückgekommen, weil ich musste." Um zu zeigen, wie mächtig falsche Anschuldigungen sein und die Justiz unterminieren können. Sie fühlte sich verpflichtet, auch gegenüber dem Land, in dem sie sich früher zu Hause gefühlt hatte. Vielleicht, sagt sie, könne sie das irgendwann wieder von Italien behaupten.

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