Die Mute, ein 2395 Meter hoher Gipfel im Skigebiet Kühtai in Tirol, gilt als „kurze, recht einfache und fast immer sichere Halbtagestour“. So steht es in der Beschreibung der App „Outdoor Active“. Die drei Snowboarder, die vor einigen Tagen dort an einem steilen, nordseitigen Hang unterwegs waren, unterschätzten die Gefahr und hatten nicht mal die obligatorische Lawinen-Notfallausrüstung für Touren abseits der Piste dabei. Ein Schneebrett löste sich, erfasste zwei der drei Wintersportler, einer wurde komplett verschüttet. Der 49 Jahre alte Mann aus Berlin starb unter den Schneemassen.
Im Tal blühen schon Magnolien und Forsythien, doch in den Bergen ist die Wintersportsaison noch nicht vorbei – und die Meldungen über Unglücke reißen nicht ab. Nach wie vor herrscht in den Alpen hohe Lawinengefahr, in Teilen Tirols gilt derzeit Warnstufe 4 auf der fünfstufigen Gefahrenskala. Matthias Walcher vom Lawinenwarndienst Tirol bezeichnet die Situation als „sehr kritisch“. Besonders an steilen West-, Nord- und Osthängen zwischen 2200 und 2500 Metern seien spontane mittlere bis große Lawinen zu erwarten, die bis auf grüne Wiesen vorstoßen können.
Die zu Ende gehende Wintersportsaison war eine der fatalsten der vergangenen Jahrzehnte. Im Winter 2025/26 starben bislang 143 Menschen durch Lawinen, so lautet die Bilanz des European Avalanche Warning Service (EAWS), eines Zusammenschlusses der europäischen Lawinenwarndienste. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Winter davor. Die meisten Lawinentoten gab es in Italien: 40 Menschen verunglückten dort in den Schneemassen, gefolgt von Österreich (33) und Frankreich (32). Mehr Opfer gab es zuletzt nur in der Saison 2017/18 mit 147 Toten.
Wie lässt sich dieser drastische Anstieg erklären? „Die hohe Zahl an Lawinentoten liegt in dieser Saison an einem sehr ungünstigen und somit für Schneesportlerinnen und -sportler gefährlichen Schneedeckenaufbau und mehreren Lawinenzeiten“, erklärt Stefan Winter, Leiter des Ressorts Sportentwicklung beim Deutschen Alpenverein (DAV). Von „Lawinenzeiten“ spricht man, wenn hohe Lawinengefahrenstufen und schönes Wetter an Wochenenden und Feiertagen aufeinandertreffen – so wie in den Osterferien. Während der vergangenen zwei Wochen kam es deshalb zu einer Häufung von Lawinenabgängen mit Verletzten und Toten, zuletzt im Kühtai, in den Tagen davor in Südtirol und am Arlberg.

Als Hauptursache für die negative Entwicklung nennen Experten den ungewöhnlich instabilen Schneedeckenaufbau. Nach einem frühen Wintereinbruch Mitte November folgte eine lange trockene Phase mit wenig Niederschlag. In dieser Zeit bildeten sich schwache, lockere Schichten mit körnigen Kristallen, die später von Neuschnee überdeckt wurden. Diese Konstellation, bekannt als „Altschneeproblem“, macht Lawinen besonders unberechenbar.
Das Schweizer Lawinenforschungsinstitut SLF spricht von einem Winter mit außergewöhnlich vielen Warnsignalen. Typische „Wumm“-Geräusche, die auf Setzungen im Schneedeckenaufbau hinweisen, waren über Wochen hinweg häufig zu hören. Lawinen konnten teils schon bei geringer Belastung aus der Ferne ausgelöst werden und erreichten oft große Ausmaße.
Bis Ende März wurden in den Alpen 171 Lawinenunfälle mit insgesamt 244 erfassten Personen registriert, deutlich mehr als im langjährigen Durchschnitt. Auffällig ist: Trotz der gestiegenen Anzahl der Unfälle blieb die Zahl der Todesopfer in der Schweiz zunächst im Durchschnitt. Europaweit jedoch ergibt sich ein deutlich anderes Bild.
Besonders kritisch wurde die Situation Mitte Februar: Innerhalb weniger Tage fielen in Teilen der Alpen bis zu 150 Zentimeter Neuschnee. Die Lawinengefahr stieg regional auf die höchste Stufe 5 („sehr groß“), über einen längeren Zeitraum blieb sie in manchen Regionen auf Stufe 4 („groß“). Trotz dieser extremen Bedingungen blieben größere Schäden an der Infrastruktur weitgehend aus, auch dank Schutzmaßnahmen und Sperrungen.
Immer mehr Wintersportler sind abseits gesicherter Pisten unterwegs
Im März entspannte sich die Lage zunächst, bevor neue Schneefälle erneut zu instabilen Verhältnissen führten. Starker Wind in Kamm- und Höhenlagen verschärfte die Situation. Dabei bildeten sich zusätzliche Schwachschichten nahe der Oberfläche, die wiederum leicht auslösbar waren.
Neben den konkreten Schneeverhältnissen und dem Wetter als Ursache für die dramatische Lawinenbilanz diskutieren Experten auch über langfristige Entwicklungen. Der Klimawandel könnte dazu beitragen, dass sich öfter instabile Schneedecken bilden. Höhere Temperaturen, schnell wechselnde Wetterlagen und stärkere Winde begünstigen die Entstehung gefährlicher Triebschneepakete. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen in freiem Gelände unterwegs. Skitouren und Abfahrten abseits gesicherter Pisten haben stark an Beliebtheit gewonnen, während die Zahl der Pisten-Skisportler stagniert. Entsprechend hoch ist der Anteil von Tourengehern unter den Opfern.
Steigt wegen dieser Faktoren die Zahl der Lawinentoten also tendenziell weiter an? Eine solche Interpretation wäre vorschnell, erklärt Stefan Winter vom DAV: „Langfristig sind in Europa seit 1986 signifikant abnehmende Todesfallzahlen durch Lawinenereignisse festzustellen.“ Das liegt auch an verbesserten Lawinenvorhersagen, gut organisierten Rettungsmethoden, detaillierterem Fachwissen und modernerer Sicherheitstechnik wie Airbag-Rucksäcken, digitalen Suchgeräten und Apps zur Risikobewertung.
Wie entscheidend richtige Ausrüstung und schnelles Handeln sind, zeigen viele Unglücke. Bergwacht und Alpenvereine raten deshalb dringend, bei Schneetouren im alpinen Gelände immer ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Sonde und Schaufel mitzuführen. Ohne diese Ausrüstung wird eine schnelle Rettung oft unmöglich, wie im Fall des Berliner Snowboarders im Kühtai. Wird ein Mensch von einer Lawine verschüttet, zählt jede Sekunde: In den ersten 15 Minuten können rund 90 Prozent der Betroffenen lebend geborgen werden. Danach sinken die Überlebenschancen rapide.

