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SZ-Kolumne "Alles Gute":Das Gehirn freipusten

Tourismus im Norden

Derzeit ist angesichts von steigenden Infektionszahlen völlig unklar, ob und wann das Reisegeschäft wieder anläuft.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Wenn die Wohnung zu eng wird und die Familie unsere Autorin fast erdrückt, ist Urlaub angesagt. Nach zwei Wochen ist wieder genug Platz für alle.

Von Kerstin Lottritz

Fünfeinhalb Monate beschäftigt uns das böse C jetzt, und unter Home-Office mit zwei Kleinkindern in einer Vierzimmerbude schrumpfen die nutzbaren Quadratmeter Lebensraum in der Wohnung Woche für Woche, so als ob die unsichtbare Kraft des Virus die Hauswände von rechts und links zusammenschöbe. Kein Arbeitszimmer, der Laptop stand auf dem Küchentisch. Das hieß: Mails schreiben, während der Sohn einem die Paw-Patrol-Figur zum Spielen auf die Tastatur schiebt. In der Wohnung gab es keinen Ort mehr, an dem man eine Minute allein war. Nicht mal auf dem Klo.

Wochentage unterschieden sich nicht mehr von Wochenend-Tagen. Aufstehen, Frühstück, mit den Kindern spielen, Mittagessen, wieder mit den Kindern spielen, Abendessen, schlafen. Dazwischen Videokonferenzen, Mails, wieder Telefonate - wenn nicht, war zufällig Wochenende.

Wer nicht mehr weiß, ob Mittwoch oder Sonntag ist, und beim Anblick der Familienmitglieder genervt die Zimmertür zuwerfen möchten, der ist urlaubsreif. Normalerweise packt man dann seinen Bikini in den Koffer und steigt mit den Liebsten in einen Flieger Richtung Süden. Aufgrund des täglichen Aperol-Spritz-Konsums leicht bedudelt und mit genügend Sonne auf der bleichen Haut, wird die Familie mit jedem Tag wieder liebenswerter. Bei der Rückkehr hat sich dann auch die Wohnungsgröße wieder verdoppelt.

Das Ferienhaus erscheint wie ein Palast

Doch dieses Jahr fallen Flugreisen aus. Auch Autofahrten in das südliche Europa erspart man sich lieber, aus Angst vor Ansteckung. Strände gibt's schließlich auch in Deutschland. "Ihr wollt an die Nordsee?!?", lautet die Frage der Nachbarn, die ihr Entsetzen kaum verbergen können. Was man denn da mache, es regne dort doch immerzu.

Zehn Autostunden später steht man auf dem Deich. Seite an Seite mit einem Schaf, das gegen den vom Wattenmeer kommenden Wind anblökt. Der zwölf Kilometer lange Strand in St. Peter-Ording ist so weitläufig, dass einem die bösen Aerosole selbst bei Sturm nicht gefährlich werden können. Laut jauchzend in die Nordseewellen zu springen, pustet das Gehirn frei. Das Ferienhaus erscheint einem wie ein Palast. So viele Sofas, das jeder eines für sich alleine hat. Statt Aperol gibt es Wein und - hätte man gar nicht gedacht- das Eis ist fast so gut wie in Italien.

Der Tagesablauf in diesen zwei Wochen: Aufstehen, Frühstück, mit den Kindern spielen, Mittagessen, wieder mit den Kindern spielen, Abendessen, schlafen. Welcher Wochentag ist, hat man nach 48 Stunden vergessen. Nach zwei Wochen dann die Erkenntnis: Wo man den Urlaub verbringt, ist egal. Hauptsache, die Wohnung hat danach wieder Platz für alle.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/olkl/saul
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