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SZ-Kolumne "Alles Gute":Seltenes Phänomen im Großstadtdschungel

Corona und Alltag

Illustration: Steffen Mackert

Ausgerechnet in der größten Ausnahmesituation seit Mauerzeiten wandelt sich der Verkehrsmoloch Berlin zum angenehmen Ort. Für Fahrradfahrer.

Letztens sah ich sie wieder vorbeizischen, die kleinen Wesen, die neuerdings überall in der Großstadt auftauchen: Kinder auf dem Fahrrad. Allein auf der Straße, mitten in Berlin.

Ständig werden in den sozialen Medien Fotos von Wildtieren gepostet, die aufgrund des coronabedingten Stillstandes weltweit in die Metropolen vordringen. In Tel Aviv sitzt ein Schakal zwischen Joggern, in London läuft ein Rudel Damhirsche über einen Parkplatz, und in Berlin folgen Polizisten einem Biber durch die Straßen. Dabei gibt es im Großstadtdschungel derzeit ein noch ein viel selteneres Phänomen zu beobachten: radelnde Kinder.

In Berlin ist Fahrradfahren normalerweise schon für Erwachsene kein Vergnügen. Der Verkehr ist dicht, die Straßen sind vollgeparkt, und wenn es Radwege gibt, dann sind sie entweder schlecht geführt oder marode. Oder sie sind so absurd wie jene Radspur in Zehlendorf, die vor zwei Jahren als "Tetris-Radweg" weltweit Schlagzeilen machte: im engen Zick-Zack-Muster um die Baumscheiben herum gezogen. Dazu ist Radfahren in Berlin gefährlich. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht jemand auf dem Rad von einem Lkw erfasst wird. An vielen Kreuzungen sieht man weiß lackierte Fahrräder, so genannte Ghost Bikes, die an getötete Radfahrerinnen und Radfahrer erinnern.

Doch ausgerechnet in der größten Ausnahmesituation seit Mauerzeiten ändert sich das gerade. Der Verkehrsmoloch Berlin ist dabei, sich in einen angenehmen Ort für Fahrradfahrer zu verwandeln. Es sind kaum Autos unterwegs, die Straßen sind leer, weshalb man auch jüngere Kinder mit dem Fahrrad losziehen lassen kann, ohne ihnen am Hinterrad zu kleben und alle zwei Sekunden "Pass auf!" hinterherbrüllen zu müssen. Auf der Straße in meinem Kiez konnte ich letztens sogar eine kleine Horde beobachten. Radelnde Kinder mit Helm und Mundschutz - und ganz ohne Erwachsene.

Zudem ist das Fahrrad das perfekte Verkehrsmittel für die soziale Distanz. Das hat inzwischen auch die Berliner Verwaltung erkannt. Auf viele Straßen werden nun mit gelber Farbe Radspuren gepinselt oder Barrieren für Autofahrer aufgestellt. Allein der Bezirk Kreuzberg hat in den vergangenen vier Wochen mehr als acht Kilometer "temporäre Radverkehrsanlagen" geschaffen, wie das im Behördendeutsch heißt. Die Berliner nennen sie einfach "Corona-Radwege".

Die ersten Politiker können sich die Umwidmung von Autospuren vorstellen, das Bündnis "Berliner Straßen für alle" fordert autofreie Nebenstraßen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club jubelt jedenfalls schon von einer "Neuaufteilung des Straßenlandes". Mir selbst würde es schon reichen, wenn Berlins Straßen noch lange so friedlich blieben wie jetzt. Und Kinder auf dem Fahrrad endlich zum Stadtbild gehören können.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/feko
Kinga

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