Floskeln:Gar nichts ist gut!

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SZ-Grafik: Jonas Jetzig

Der Ausdruck "Alles gut" vereitelt jede Chance auf Nähe und ehrliches Miteinander. Höchste Zeit, sich die Beschwichtigungsfloskel wieder abzugewöhnen.

Von Violetta Simon

Der Alltag des gemeinen Großstädters muss das reinste Paradies sein. Wo man hinhört: Alles gut! Vermutlich wird man deshalb auch nicht mehr gefragt, wie es einem geht. Sondern aufgefordert, in den Chor der Gutgelaunten einzustimmen. Das geht morgens los, wenn der Chef den Kopf zum Zimmer reinstreckt und grüßt: "Alles gut?" Wie einen dieser Mensch anschaut, so dynamisch und erwartungsvoll, braucht man gar nicht erst in Erwägung zu ziehen, ob man den Deckel aufmachen soll: Kind krank, Vater Demenz-Diagnose, Handy kaputt. Also liefert man ordnungsgemäß ab und antwortet: "Alles gut! - Und selbst?" "Alles prima!", bekommt man noch zu hören, bevor die Stimme auf dem Gang verhallt.

Dort draußen auf dem Flur begegnet man ebenfalls lauter Kollegen, bei denen "Alles gut!" ist, genau wie auf der Straße ("Pardon, ich hab Sie zu spät gesehen" - "Alles gut!"), in der U-Bahn ("Wollen Sie sich setzen?" - "Nein, alles gut!"), im Lokal ("Ich bräuchte bitte Ihre Impfbestätigung" - "Alles gut, hab ich dabei!").

Seit wann fragt eigentlich fast niemand mehr "Wie geht es dir?", und ein anderer antwortet "Danke, geht so"? Warum ist die Frage plötzlich eine Beschwörung und die Antwort eine Beschwichtigungsfloskel? Dieses tapfere Pfeifen im Walde. Dieser Zwang zur Zuversicht - als befinde man sich in der Truman Show. Gleich tritt Jim Carrey aus der Tür und begrüßt einen mit den Worten: "Guten Morgen! Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht."

Eine Frechheit, eine Lüge

"Alles gut?" ist eine geschlossene Frage, sie erlaubt keine Antwort außer ja oder nein - und wer sagt schon "nein". Dahinter steht: "Bitte behellige mich nicht mit deinen Problemen. Erzähl mir lieber was Schönes." Es ist wahrscheinlich nicht einmal Desinteresse. Eher Überforderung. Dementsprechend dient die Antwort "Alles gut!" der Beruhigung: "Mach dir keine Sorgen." Kein Raum für Empörung. Keine Chance, sich mal richtig auszukotzen.

Dabei ist, verdammt noch mal, gerade nicht alles gut! Allein die Frage könnte man deshalb schon als Frechheit werten. Und die Antwort ist eine Lüge. Wenn auch eine nützliche, wie Wiglaf Droste 2018 in einem Artikel behauptete: "Das Minimalöl, ohne das die Kriegsmaschine Welt sich nicht anders drehen lässt." Selten habe er in den vergangenen Jahren drei Silben so häufig gehört wie "Alles gut", schrieb der Kolumnist und Satiriker.

Mehr Nähe!

Ein Jahr später, kurz bevor er starb, goss Droste seinen Verdruss über die Floskel in ein Gedicht: "'Alles gut!', 'Alles gut!' // warum ist jetzt 'Alles gut?' // Immer, immer 'Alles gut!', // bis das Hirn im Hintern ruht, // sagen alle: 'Alles gut!' // Nicht nur manches, 'Alles gut!' // Manches aber ist 'empörend!' // oder 'schlimm!', das wirkt sehr störend. // Dann ist nicht mehr 'Alles gut!' // Und schnell packt sie zu, die Wut."

Jetzt, wo 1,50 Meter Sicherheitsabstand zwischen den Menschen obligatorisch sind, sollte man lieber mehr Nähe zulassen. Und sich gegenseitig besser zuhören. Aber nicht erschrecken: Die Frage "Wie geht es dir eigentlich?", könnte Menschen überwältigen und zu Tränen rühren.

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