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Türkei:Lebensgefährlicher Alkohol

Alkoholrecht in der Türkei

Rakı wird in der Türkei immer teurer und für viele Menschen dadurch unbezahlbar.

(Foto: Tolga Bozoglu/dpa)

In der Türkei sterben 45 Menschen, nachdem sie gepanschten Schnaps getrunken haben. Der Alkohol wird vor allem deshalb gestreckt, weil die Erdoğan-Regierung ihn so hoch besteuert.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Ginge es nach dem türkischen Staatspräsidenten, dann würden die Türken von früh bis spät nur Ayran trinken. Der leicht salzige Joghurttrunk, so sagte Recep Tayyip Erdoğan einmal, sei schließlich "unser Nationalgetränk". Viele Türken sehen das allerdings ganz anders. Für sie ist Rakı das erste und das einzige Nationalgetränk: Ein hochprozentiger Schnaps mit Anisgeschmack, der mit Wasser und Eis aus schlanken Gläsern getrunken wird. Schon Staatsgründer Kemal Atatürk war bekannt für seinen ausgeprägten Hang zum Rakı; beim Essen ist es für viele Türken auch heute noch das Getränk der Wahl, ganz gleich ob Männer oder Frauen.

Die Liebe zum türkischen Nationalgetränk hat in der vergangenen Woche 45 Menschen das Leben gekostet. Sie starben, nachdem sie gepanschten Alkohol getrunken hatten. Allein in der Ägäis-Provinz Izmir, bekannt für den säkularen Lebenswandel, fielen 18 Menschen den gestreckten Getränken zum Opfer. Nach Polizeiangaben war der Schnaps mit Äthyl oder mit Alkohol aus Reinigungsprodukten und Desinfektionsmitteln zusammengerührt worden. Bei dem gepanschten Alkohol dürfte es sich wohl meist um angeblichen Rakı gehandelt haben. In der Türkei ist Whisky und Cognac bei den breiten Schichten nicht besonders populär, nur Wodka ist inzwischen etwas beliebter.

Wie groß das Problem mit dem gefährlichen Fusel ist, zeigen Razzien in Istanbul und in der Provinz Adana: 7360 Liter Äthylalkohol, die für die Herstellung von illegalen Getränken vorgesehen waren, haben die Ermittler dort beschlagnahmt, mehrere Dutzend Personen wurden festgenommen.

Der türkische Staat ist beim Alkohol in der Zwickmühle: Die regelmäßig steigenden Steuern befeuern das Geschäft mit dem gepanschtem Schnaps. Einerseits versucht der Staat, den Konsum einzuschränken und den Menschen die Risiken des Trinkens bewusst zu machen. Nach 22 Uhr ist der Straßenverkauf von Bier, Wein oder hartem Alkohol dann auch ganz verboten, auch bei Wahlen wird der Alkoholverkauf untersagt.

Andererseits gibt es in der Türkei noch immer eine Art staatliches Alkohol- und Tabakmonopol: Das Unternehmen Tekel vertreibt den Alkohol und die Rauchwaren zwar nicht mehr wie früher in Alleinregie, aber es besteuert sie bis heute und kontrolliert deren Vertrieb. Und die Steuern auf legalen Alkohol sind exorbitant: Eine Dreiviertel-Liter-Flasche Rakı kostet umgerechnet 20 Euro. Der größte Teil davon entfällt auf Steuern, die die Flasche rund 230 Prozent teurer machen als ursprünglich. Zur Einordnung: Eine einzige Flasche des Nationalgetränks kostet damit fast schon ein Zehntel des türkischen Mindestlohns von knapp 280 Euro.

Weltweit liegt die Türkei bei der Höhe der Alkoholsteuern an sechster Stelle. Die jüngste Steuererhöhung, es waren weitere sieben Prozent, erfolgte erst im Juli. Die konservativ-islamische Regierungspartei AKP hat damit die Steuern in den vergangenen Jahren jedes halbe Jahr unverdrossen erhöht. Für den Staat lohnt sich das Geschäft mit dem Alkohol: Die Steuern sollen gut 2,7 Prozent des Haushalts einbringen, vor zehn Jahren waren es noch nur 1,6 Prozent.

So dürfte das Problem mit dem lebensgefährlichen Schnapspanschen angesichts der Beliebtheit des Rakı in der Türkei wohl weiter andauern. Zumal das staatliche Rakı-Produktionsmonopol 2004 beendet worden ist und das Angebot an hochwertigen Sorten seitdem weit vielfältiger ist. Allerdings geht der Konsum des Nationalschnapses langsam etwas zurück: Die Türken finden zunehmend am Wein Gefallen.

© SZ/lot
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