„Immer, wenn ich Angst habe“, so heißt es in dem Lied, „halte ich den Kopf ganz hoch und pfeife eine fröhliche Melodie.“ Im Original heißt der Song „I whistle a Happy Tune“, er stammt aus dem Broadway-Musical „The King and I“ von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein. Und nie wurde er eindrucksvoller interpretiert als von der Handpuppe Grobi, die ihre Angst im Wald in einer Folge der „Sesamstraße“ damit zu bekämpfen versucht, wenn auch vergeblich.
Musik kann helfen, Ängste zu überwinden und den Menschen mutiger zu machen. Musik kann auch furchterregend und verstörend sein. Zum Beispiel, wenn sie zu laut ist. Als vor einem Jahr der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Markus Preiß, AfD-Parteichefin Alice Weidel im Berliner Regierungsviertel unter freiem Himmel live interviewte, da machte ihm Musik seine Arbeit schwer. Über Lautsprecher, die auf einem Bus montiert waren, spielten linke Aktivisten nur ein paar Meter weiter den „Sterzinger Andachtsjodler“ ab, in einer Neuinterpretation der queer-feministischen Augsburger Gesangsgruppe Corner Chor. Der Text, ein bisschen simpel, aber einprägsam: „Scheiß AfD“. Dieser Vorfall markierte das Ende des ARD-Sommerinterviews in seiner bisherigen Form. In diesem Jahr finden die Gespräche im Studio statt.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Doch woher kommt er ursprünglich, der „Sterzinger Andachtsjodler“? Belegt ist, dass er schon im frühen 19. Jahrhundert während der weihnachtlichen Christmette in Südtirol gesungen wurde. Ein demütiges „Tjo tjo iri, tjo tjo iri, tjo tjo ri ridi ho e tjo iri“, einfühlsam intoniert von Gemeindemitgliedern während der heiligen Wandlung. Acht Takte, mit denen auch Maria ihr Kind in den Schlaf gesungen haben könnte.
In der Neuinterpretation durch die Augsburger Aktivistinnen wurde der Andachtsjodler (auch Metten- oder Rauhnachtjodler) zu einer Kampfansage gegen die Feinde der Demokratie. „Unsere Chorleiterin hatte im Februar 2025 die Idee“, so eine Sprecherin der seit 2019 existierenden, kürzlich mit einem Berliner Popkultur-Preis für herausragendes gesellschaftliches Engagement ausgezeichneten Gruppe Corner Chor. Immer wieder schon habe man sich bekannte Melodien geschnappt, die Titelmelodie der „Tagesschau“ zum Beispiel oder auch etwas von den Comedian Harmonists, und sie mit Texten versehen, die zum Beispiel gegen das Patriarchat Partei ergreifen oder gegen Wohnungsmangel. „Der Erfolg des Scheiß-AfD-Songs hat uns aber besonders überrascht“, sagt Sprecherin „Maggie“, die ihren Nachnamen lieber verschweigt.
Rechtspopulisten fanden die Aktion freilich weniger gelungen, was Maggie und ihren Kolleginnen bereits die ein oder andere Drohung beschert hat.

Dem Erfolg des Gesangs tat es nichts an: Mittlerweile ist „Scheiß AfD“ auf vielen Streamingdiensten abrufbar. Der Jodler dudelt als Klingelton auf Handys, ist in Reels und auf Demonstrationen zu hören und findet sich in „Hitbüchern für den musikalischen Protest“. „Gelegentlich bekommen wir sogar Anfragen aus Österreich oder der Schweiz, ob wir nicht auch noch eine Version gegen die FPÖ oder die SVP einsingen könnten“, sagt die Sprecherin. „Aber da lautet unsere Antwort immer: Singt es bitte selber, dann bringt es mehr.“ Die musikalischen Rechte am Sterzinger Andachtsjodler jedenfalls sind frei.
Als es um das Jahr 1820 in der katholischen Kirche konservative Kräfte auf weltliche Lieder im Gottesdienst abgesehen hatten, da sei in vielen Gemeinden auch der Andachtsjodler aus der Christmette verschwunden, schreibt die Südtiroler Volksmusikforscherin Brigitte Mantinger in einem Beitrag in der Zeitschrift Vierteltakt. Erst sehr viel später sei die Melodie, deren Komponist bis heute unbekannt ist, über den Berliner Gymnasiallehrer und Südtirol-Freund Max Pohl (1869–1928) wieder aufgetaucht: in reichsdeutschen Liederbüchern. So sei für das Jahr 1912 belegt, dass völkische Wanderburschen den Andachtsjodler auf der Seiser Alm sehr laut gesungen hätten. So laut, dass sich Südtiroler „beschämt“ abgewendet hätten.
Die aktuelle Neuinterpretation durch den queeren Augsburger Chor könne nun als eine Art Rückholaktion des Andachtsjodlers zu seinen Ursprüngen gedeutet werden, meinen manche Experten. „Mit nur wenigen Noten und kurzer Melodie vermag der Andachtsjodler eine sehr sanftmütige Stimmung zu erzeugen“, sagt der schweizerisch-österreichische Jodelforscher Raymond Ammann. Die neue offensive Aussage „steht im Widerspruch zur Musik und macht das Lied auch deshalb interessant und lässt den Zuhörer aufhorchen“.
Aus „Hejo spann den Wagen an“ wird „Wehrt euch, leistet Widerstand“
Auch der Innsbrucker Musikwissenschaftler Kurt Drexel hält die neue Betextung für grundsätzlich legitim. „Bekannte Volksweisen haben sich immer schon angeboten, politische Botschaften zu transportieren“, sagt er. Er selbst habe den Erntekanon „Hejo spann den Wagen an“ in den 1970er-Jahren mit dem Text „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen das Atomkraftwerk im Land“ bei Demonstrationen gesungen.
Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, fügt noch einen weiteren Aspekt hinzu: „Im Gegensatz zu manch anderen Parteien hat die Linke einmal mehr erkannt, dass der Begriff ,Heimat‘ und die damit verbundenen Lieder und Traditionen für viele Menschen wichtig sind – und daher nicht allein den Rechten überlassen werden sollten.“
Und Alois Schmelz, Leiter der Abteilung für Heimatpflege im Landesverein, wünscht sich „Scheiß AfD“ sogar als Wiesn-Hit für das Münchner Oktoberfest. „Der Andachtsjodler als in Musik gegossener Inbegriff christlich-weihnachtlicher Besinnlichkeit erzeugt bei allen Anwesenden maximale Gefühle von Zusammengehörigkeit, Liebe und Frieden. Rechte Politik ist genau das Gegenteil: Hetze, Spaltung, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit“, betont er. „Sich gegen die Vereinnahmung traditioneller Volksmusik durch rechte Kreise zu wehren und die integrative Kraft der Volksmusik zu feiern, ist Aufgabe unserer Volksmusik-Gemeinschaft. Übrigens nicht nur in Bayern, sondern mindestens europaweit.“ Dabei den Andachtsjodler umzutexten und ihn als Waffe gegen die „Vereinnahmer aus dem rechten Spektrum“ einzusetzen, sei aufgrund des hohen Emotionspotenzials des Andachtsjodlers „geradezu ein genialer Coup linker Gruppierungen“.

