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SZ-Serie "Ein Anruf bei...":Wenn der Bürgermeister im Rathaus seinen Ausweis vorzeigen muss

FILE PHOTO: Police cars stand in front of the town hall in Oberibach in Ibach

Das ist Ibach im Schwarzwald, genauer: der Ortsteil Oberibach. Im Vordergrund das Rathaus sowie vier Polizeifahrzeuge auf dem Parkplatz.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Im Dörfchen Ibach im Schwarzwald herrscht Ausnahmezustand, seit Alexej Nawalny seine Reha nach dem Giftanschlag dort verbringt. Ein Anruf bei Bürgermeister Helmut Kaiser.

Von Claudia Henzler

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny erholt sich nach dem Giftanschlag und seiner Behandlung in der Berliner Charité in einem Apartmenthotel am Rande der Gemeinde Ibach im Schwarzwald. Das hat das Leben in dem beschaulichen Dorf mit seinen 400 Einwohnern ziemlich verändert. Ein Gespräch mit Bürgermeister Helmut Kaiser.

SZ: Herr Kaiser, man liest, dass sich Ihre Gemeinde seit vergangener Woche im Belagerungszustand befinde. Was ist da los?

Helmut Kaiser: Wir haben einen Gast, der besonderen Personenschutz benötigt. Das führt dazu, dass wir in dieser kleinen Gemeinde ein sehr hohes Polizeiaufkommen haben. Das fällt natürlich auf. Normalerweise fällt hier schon ein einzelnes Polizeiauto auf.

Dürfen Sie immer noch nicht sagen, dass es sich bei dem prominenten Gast um Alexej Nawalny handelt?

Ja, da bitte ich um Verständnis. Wir können solche Informationen nicht rausgeben. Da geht es um Personen- und Persönlichkeitsschutz.

Die Polizei soll Teile des Rathauses und der Gemeindehalle besetzt haben, heißt es. Und Sie selbst mussten sich letzte Woche ausweisen, als Sie ins Rathaus wollten. Stimmt das?

Ach, das mit dem Ausweis war nur an einem Morgen. Da waren neue Einsatzkräfte da, die haben mich nicht gekannt. Das macht mir nichts, da zeige ich halt meinen Ausweis. Da könnte ja sonst jeder kommen. Das Wort "besetzt" ist übrigens nicht richtig. Die Polizei hat Möglichkeiten gesucht, wo sie ihre Einsatzzentrale einrichten kann, und uns gefragt. Natürlich unterstützen wir die Polizei, das ist unsere Aufgabe als Kommune. Und die Gemeindehalle dient der Verpflegung. Wir haben keine größere Gaststätte im Ort, die das vom Umfang her managen könnte.

Jetzt können die Vereine dort nicht proben. Wie ist deren Reaktion?

Es gibt schon ein paar Leute, die dafür kein Verständnis haben. Aber die breite Masse versteht das. Die Ibacher nehmen es auch gelassen, wenn sie von der Polizei nach einem Ausweis gefragt werden. Natürlich ist das schade, dass man Menschen überhaupt so schützen muss.

Helmut Kaiser

Helmut Kaiser, 62, ist seit zwölf Jahren Bürgermeister von Ibach im Südschwarzwald.

(Foto: Gemeinde Ibach)

Waren Sie überrascht, dass sich Herr Nawalny ausgerechnet Ibach zur Erholung ausgesucht hat?

Nicht wirklich. Wenn jemand Ruhe und Erholung sucht, dann ist Ibach einfach sehr gut dafür geeignet. Wir sind ein beschauliches Dorf, das in einem Hochtal des Südschwarzwaldes liegt. Wir haben schöne Landschaft und Natur - und wir haben Ruhe und Erholung. Das wollen wir allen Gästen bieten. Mit 400 Einwohnern gibt's hier keinen Rummel, nix.

Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass Prominente in Ibach Urlaub machen.

Ja, der frühere Bundespräsident Karl Carstens war hier mal ein paar Tage zum Wandern. Und ein anderer früherer Bundespräsident, Horst Köhler, war sogar schon öfter hier. Kommen Sie doch auch mal. Es ist schön bei uns. Jetzt im Herbst haben wir Alpensicht.

Lässt die Polizei denn Gäste rein?

Klar, Sie können hier ganz normal Urlaub machen. Es kann halt sein, dass irgendwo eine Polizeikontrolle steht. Aber wenn man sich normal verhält, läuft auch alles ganz normal weiter. Allerdings sind die Ferienwohnungen in der Wanderzeit gerade ohnehin ziemlich gut belegt.

© SZ/nas
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