Tödliche Schüsse am Set:Die schwierige Rolle des Alec Baldwin

Alec Baldwin schießt mit Prop-Waffe bei Filmdreh - Kamerafrau tot

Er wolle zur Aufklärung der Tragödie beitragen, schreibt US-Schauspieler Alec Baldwin bei Twitter.

(Foto: Alec Tabak/dpa)

Der Hollywoodstar war an "Rust" nicht nur als Schauspieler beteiligt, sondern auch als Produzent - das macht die Tragödie um Halyna Hutchins für ihn besonders kompliziert.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Halyna Hutchins. Das ist der Name der Kamerafrau, die am Donnerstag bei Dreharbeiten zum Film Rust getötet worden ist. #Sayhername wird nun auf sozialen Medien gefordert; sie sei das Opfer, deshalb solle man ihren Namen sagen, über sie berichten. Stimmt schon: Sehr häufig ist der Name des Opfers nicht in den Überschriften zu lesen - dafür der Name dessen, der die Pistole abfeuerte: Alec Baldwin. Die Aufregung und das öffentliche Interesse sind auch deshalb so gewaltig, weil Baldwin nun mal "Hollywood Royalty" ist, er gehört zum Adel der Filmbranche.

Nur: Ist Baldwin nicht auch Opfer dieser Tragödie? Er wird damit leben müssen, dass er Hutchins getötet hat. "Es gibt keine Worte dafür, um meine Erschütterung und Trauer auszudrücken aufgrund des tragischen Unfalls, der Halyna Hutchins das Leben gekostet hat - Ehefrau, Mutter, tief bewunderte Kollegin", schrieb Baldwin auf Twitter: "Mein Herz ist gebrochen, für ihren Ehemann, ihren Sohn sowie alle, die Halyna gekannt und geliebt haben."

Vom Studio 54 nach Hollywood

Alexander Ray Baldwin III. kam vor 63 Jahren im US-Bundesstaat New York zur Welt, als zweitältestes von sechs Kindern der Aktivistin Carol Newcomb und des Footballtrainers Alexander Baldwin. Er war begabter Footballspieler und arbeitete vor seinem Studium an der George Washington University als Aushilfe in der legendären Diskothek Studio 54. Wie seine jüngeren Brüder Daniel, William und Stephen wurde er Schauspieler. Es gibt einen Dokumentarfilm über die vier mit dem Titel "The Baldwin Brothers", im Oscar-prämierten Oliver-Stone-Film "Born on the Fourth of July" spielen alle außer Alec mit.

Tödliche Schüsse am Set: Alec Baldwin 2017 bei den Emmy Awards in Los Angeles - seine Trump-Imitation bei "Saturday Night Live" ist einer der Höhepunkte seiner Karriere.

Alec Baldwin 2017 bei den Emmy Awards in Los Angeles - seine Trump-Imitation bei "Saturday Night Live" ist einer der Höhepunkte seiner Karriere.

(Foto: Frederic J. Brown/AFP)

Dessen Karriere begann am Broadway, für seine Rolle in "Endstation Sehnsucht" war er 1992 für den Tony nominiert. Über die Seifenoper "The Doctors" kam er zum Fernsehen, 2002 war er für den Emmy nominiert, als bester Nebendarsteller im Film "Path to War" über den Vietnamkrieg. Seit 1987 ist er auch im Kino zu sehen, 2003 bekam er für seine Rolle in "The Cooler - Alles auf Liebe" eine Oscar-Nominierung.

Von 1993 bis 2002 war er mit seiner Kollegin Kim Basinger verheiratet, die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Die Trennung des Paars verlief schmutzig, Baldwin gab später an, eine Million Dollar an Anwälte bezahlt zu haben. 2007 hinterließ Baldwin eine Nachricht für Basinger auf deren Anrufbeantworter, in der er seine damals elfjährige Tochter als "unverschämtes und rücksichtsloses Schwein" beschimpfte - nachdem dies bekannt wurde, war die öffentliche Geißelung so groß, dass Baldwin offenbar Suizidgedanken hegte. Er verarbeitete das in einem Buch über Scheidungen und Vatersein. Mit seiner zweiten Ehefrau, Yoga-Lehrerin Hilaria, ist er seit 2012 verheiratet, das Paar hat sechs gemeinsame Kinder.

Trumps Ärger: das wohl größtmögliche Lob für Baldwin

Die Schlammschlacht mit Basinger sorgte für einen Knick in Baldwins Karriere, bis ihn Tina Fey 2006 für die Serie "30 Rock" engagierte - dafür gewann er 2008 und 2009 den Emmy. Seither war Baldwin unter anderem Gastgeber der Oscars 2010, Werbefigur, der Gast-Moderator mit den meisten Auftritten (17) in der Satiresendung "Saturday Night Live" - für die er 2017 den nächsten Emmy gewann. Er persiflierte den damaligen US-Präsidenten Donald Trump so gut, dass dieser sich regelmäßig darüber aufregte, wie schlecht ihn Baldwin doch persifliere - was wohl das größtmögliche Lob war.

Der Schauspieler hat Trump immer wieder heftig kritisiert und sich für strengere Waffengesetze in den USA eingesetzt. Rechtskonservative Kommentatoren scheinen nun die Gelegenheit zu ergreifen, sich dafür zu revanchieren: In Reaktion auf die tödlichen Schüsse am Set von "Rust" haben sie auf Twitter den Hashtag #AlecforPrison (Alec muss ins Gefängnis) erstellt. Dass es hier offenbar darum geht, Rechnungen aus der Trump-Zeit zu begleichen, zeigt auch ein Zitat der Autorin Candace Owens: "Nicht eine Sache, die Alec Baldwin über Donald Trump und seine Unterstützer gesagt hat, hat sich als richtig herausgestellt." Sie fordert allerdings auch, dass die USA in Australien einmarschieren müssten, um den angeblichen Covid-Polizeistaat zu befreien.

Andere schreiben, dass Baldwin für die Waffe in seiner Hand verantwortlich sei und deshalb ins Gefängnis müsse. Die Mehrheit der Twitter-Nutzer spricht ihn allerdings von Schuld frei und drückt eher Mitgefühl mit einem Menschen aus, der nun damit leben muss, jemanden getötet zu haben.

Gab es schon vor den Schüssen Bedenken über die Sicherheit am Set?

Die New York Times und die Nachrichtenagentur AP zitieren die Polizei, wonach der Regieassistent die Worte "Cold Gun" gerufen habe, bevor er Baldwin die Todeswaffe übergab - eine Versicherung, dass die Waffe nicht geladen sei. Zuvor hätte die 24 Jahre alte Waffenmeisterin drei von ihr präparierte Waffen auf einem offenen Wagen am Set abgelegt. "Wir konzentrieren uns darauf, welche Art von Projektil in der Waffe war, und wie es dorthin gekommen ist", sagte Polizeisprecher Juan Rios, Stand jetzt gebe es keinerlei Hinweise, dass Baldwin von der Ladung der Waffe gewusst haben könnte. Aktuell würden keine Vorwürfe gegen ihn erhoben. "Er ist ein freier Mann", sagte Rios.

Allerdings: Baldwin war nicht nur als Schauspieler an "Rust" beteiligt, sondern auch als Produzent. Er ist daher mitverantwortlich dafür, was bei den Dreharbeiten auf der Bonanza Creek Ranch im Bundesstaat New Mexico passierte, und es gibt Berichte darüber, dass sich vor der Tragödie vom Donnerstag bereits Schüsse aus Requisitenwaffen lösten, die sich nicht hätten lösen dürfen, und es Bedenken wegen der Sicherheitsvorkehrungen gab. Zum anderen sollen nur wenige Stunden vor den Schüssen ein paar Kameraleute und deren Helfer (die getötete Kamerafrau Hutchins gehörte nicht dazu) wegen der Arbeitsbedingungen gestreikt und später das Set verlassen haben. Die Rolle des Produzenten Baldwin könnte also anders beurteilt werden als die des Schauspielers Baldwin.

Er wolle zur Aufklärung der Tragödie beitragen, schreibt Baldwin selbst bei Twitter, und er wolle die Familie der Kamerafrau unterstützen, deren Namen man zu Beginn und Ende jedes Berichts schreiben sollte: Halyna Hutchins.

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SZ PlusTodesfall am Filmset
:Alec Baldwin erhielt Waffe als "Cold Gun"

Wie konnte der Schauspieler Kamerafrau Halyna Hutchins mit einer Requisitenpistole erschießen? Neue Details des Tathergangs werden bekannt, offenbar hatte es bei den Dreharbeiten bereits vor dem Todesfall Beschwerden von Mitarbeitern gegeben.

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