Airbus-Opfer: Gedenken ohne Ort:"Trauer ist keine Krankheit"

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Wenn Leichen nicht gefunden und bestattet werden können, wird die Trauer für Angehörige zusätzlich belastend. Ein Gespräch mit dem Trauerforscher Konrad Baumgartner.

J. Osel

Die Bergungsarbeiten im Atlantik dauern an, Dutzende tote Passagiere der verunglückten Airbus-Maschine haben die Rettungskräfte bislang gefunden. Dass alle Leichen geborgen werden, gilt als unwahrscheinlich. Der Ozean wird ihr Grab sein, die Angehörigen werden sie nicht bestatten können. Der katholische Theologe Professor Konrad Baumgartner hat mehr als zehn Jahre lang an der Universität Regensburg ein Forschungsprojekt zum Thema Trauer betreut und dabei auch Bestatter aus ganz Deutschland geschult. "Trauer braucht einen Ort", so Baumgartners Erfahrung. Deswegen sei es für Angehörige zusätzlich belastend, wenn die Leichen von Unglücksopfern nicht geborgen und bestattet werden können.

Airbus-Opfer: Gedenken ohne Ort: Angehörige von Passagieren des Katastrophenflugs am Airport  von Rio de Janeiro: So schwer die Todesnachricht auch sei, sagt Trauer-Experte Professor Baumgartner, müssten Angehörige den Verstorbenen irgendwann innerlich freigeben. Damit sie selbst zum Leben zurückfinden.

Angehörige von Passagieren des Katastrophenflugs am Airport von Rio de Janeiro: So schwer die Todesnachricht auch sei, sagt Trauer-Experte Professor Baumgartner, müssten Angehörige den Verstorbenen irgendwann innerlich freigeben. Damit sie selbst zum Leben zurückfinden.

(Foto: Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Im Fall der abgestürzten Air-France-Maschine können womöglich viele Leichen nicht gefunden werden, auch der Unglücksort ist nicht genau bestimmbar, sondern liegt irgendwo im weiten Meer. Was bedeutet das für die Trauer der Angehörigen?

Baumgartner: Wenn die Leiche nicht gefunden wird, macht das die Trauer schwieriger und belastender. Es ist nichts da, das man betrauern kann, kein Körper, kein Grab, das Ritual des Begräbnisses fehlt. Wenn zum Beispiel Gepäckstücke gefunden werden oder andere persönliche Dinge, dann bietet sich die Chance, sich des Verstorbenen mit diesen Gegenständen zu erinnern. Das ist gut für die Trauerbewältigung.

sueddeutsche.de: Ein Trauer-Ort fehlt dann aber noch immer.

Baumgartner: Ja, dabei ist es enorm wichtig, dass ein Ort zum Trauern vorhanden ist. Man kann den Namen des Vermissten zum Beispiel dann erreichbarer auf einen Grabstein schreiben, etwa am Familiengrab, und dazu schreiben, wann und wo die Person vermisst wurde. Man muss einen Ort schaffen, wo man hingehen kann - auch wenn kein Körper bestattet wird. Oder man setzt Gegenstände bei, die an das Opfer erinnern, vielleicht den Lieblingsteddybär bei einem Kind. Auch zu Hause sollte man einzelne, persönliche Gegenstände des Opfers in Ehren halten. Sie sofort zu beseitigen, wäre negativ für die Bewältigung des Ereignisses.

sueddeutsche.de: Warum ist dies alles so wichtig?

Baumgartner: In Traueranzeigen steht oft "Solange du in unserer Erinnerung lebst, lebst du weiter". Das ist gut, wenn die Toten im Herzen gegenwärtig sind, reicht aber oft nicht.

sueddeutsche.de: Die französische Regierung hat Angehörigen unmittelbar nach dem Absturz angeboten, sie in die Zone zu fliegen, in der das Flugzeug gesucht wurde. Ist das sinnvoll?

Baumgartner: Das halte ich für eine sehr gute Idee. Das darf aber kein bloßes Sightseeing sein. Man könnte zum Beispiel Abschied dort nehmen, indem man Blumen ins Meer wirft oder vor Ort ein Gebet spricht. Ein symbolisches Verabschieden also.

sueddeutsche.de: Ist für Trauer die Gewissheit über den Tod denn von Bedeutung?

Baumgartner: Es war im Krieg schon so, dass die Frauen und Kinder von Vermissten immerzu gehofft haben, vielleicht kommt der Vater doch noch irgendwann nach Hause. Das ist eine natürliche Sehnsucht des Menschen, und auch verständlich. So schwer die Todesnachricht auch ist: Irgendwann müssen Trauerprozesse auch abgeschlossen werden, die Angehörigen müssen den Verstorbenen innerlich freigeben. Damit sie selbst zum Leben zurückfinden, auch wenn eine schmerzvolle Lücke bleibt.

sueddeutsche.de: Kann Trauer auch krank machen?

Baumgartner: Trauer ist keine Krankheit. Sie kann aber lähmen, blockieren, mutlos machen. Gerade bei der Schocktrauer direkt nach einem Todesfall kann es oftmals lange dauern, bis die Trauerarbeit ans Ziel kommt. Das ist jeweils ein individueller Prozess, es lässt sich nicht sagen: "In einem Jahr musst du mit dem Trauern fertig sein." Doch irgendwann sollte man die Trauer abschließen. Es gibt aber auch Trauersituationen, die man alleine nicht bewältigt. Dann ist auf jeden Fall Hilfe nötig.

sueddeutsche.de: Zum Beispiel?

Baumgartner: Ein psychologischer Beistand zum Beispiel. Trauer ist keine Krankheit, das muss man nochmals so deutlich sagen. Da sollte man sich nicht schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt auch Trauerkreise, wo man mit anderen Angehörigen zusammenkommen kann. Denn es ist auch wichtig, über den Verstorbenen zu reden, zu sagen, was er einem bedeutet hat. Und für religiöse Menschen wird durch den Glauben daran, dass die Toten in Gott geborgen sind, die Trauer leichter.

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