Süddeutsche Zeitung

Baubeginn:Eine Grenze mitten in der EU

  • Am Montag wurde in Dänemark damit begonnen, einen Zaun zu Deutschland zu bauen. Einen Wildschweinzaun.
  • Bis November soll sich entlang der Naht von Jütland und Schleswig-Holstein ein Gatter ziehen, von der Ostsee bis zur Nordsee.
  • Damit will die konservativ-liberale Regierung im Verbund mit der rechten Dansk Folkeparti die Afrikanische Schweinepest auf Abstand halten.

Um kurz nach zehn Uhr geht es los, die Dänen sind schneller als US-Präsident Donald Trump mit seiner Mauer zu Mexiko. Tags zuvor war Dänemarks Handballteam bei der gemeinsam mit Deutschland veranstalteten WM Weltmeister geworden. Jetzt rammt an diesem nasskalten Montagvormittag mit wummerndem Krawall eine Maschine die ersten Pfosten in den aufgeweichten Boden bei Padborg an der dänisch-deutschen Grenze, dazwischen hängen dann sogleich die ersten Gitter. Dies wird also Dänemarks Zaun zu Deutschland. Der Wildschweinzaun.

Vildsvinehegnet heißt das Bauwerk auf Dänisch, manche hatten die Idee erst für einen Witz gehalten. Doch Kopenhagen macht Ernst. Bis November soll sich entlang der Naht von Jütland und Schleswig-Holstein ein Gatter ziehen, von der Ostsee bis zur Nordsee. 1,50 Meter hoch, 50 Zentimeter tief im Erdreich, 70 Kilometer lang. Damit will die konservativ-liberale Regierung im Verbund mit der rechten Dansk Folkeparti die Afrikanische Schweinepest auf Abstand halten, die vor allem in Osteuropa ihr Unwesen treibt. Bauherr ist das Dänische Amt für Naturverwaltung aus dem Umweltministerium, dessen Amtsleiter Bent Rasmussen nun im Matsch neben allerlei Handwerkern und Reportern den Baubeginn überwacht.

Auf der einen Seite liegt ein deutsches Getreidefeld, auf der anderen Seite liegt Dänemark. Dazwischen graben sich die Bagger und Presslufthämmer durch diese flache Landschaft, in der Dänemark und Deutschland über all die Jahre so schön zusammengewachsen waren, dass die Grenze verschwamm. Man merkt auf den Äckern und Wegen und den Nebenstraßen in dieser Gegend kaum mehr, ob man gerade in Deutschland oder Dänemark ist, das dürfte sich nun gründlich ändern.

Sobald die Gefahr gebannt sei, werde das Bauwerk wieder entsorgt, heißt es

Eine sichtbare Grenze mitten in Westeuropa, mitten in der EU, mitten im eigentlich grenzenlosen Schengen-Raum. Das ist natürlich sehr symbolisch, gerade in diesen Zeiten der Verwirrung um Brexit und europäische Ideale. Dass sich der Wind dreht, das merkt schon, wer auf der Anfahrt über die Autobahn A 7 hinter Flensburg von dänischen Grenzpolizisten herausgewinkt und kontrolliert wird. Der Zaun sei eine politische Entscheidung, sagt Projektleiter Rasmussen. Zu Politik und Symbolik mag oder darf er nichts sagen, "da habe ich keine Meinung". Er erklärt nur technische Details und versichert, dass die Durchgänge für Menschen erhalten bleiben.

Alle paar Hundert Meter ist eine Luke vorgesehen, und dann sind da nach wie vor die Straßen und Schienen. Es soll, so heißt es, um die Wildschweine gehen. Um die dänischen Schweine. Dänemark hat Angst, dass sich die Afrikanische Schweinepest auf seine Schweine ausbreitet. Für Menschen ist die Krankheit harmlos, und Deutschland hat sie anders als zum Beispiel Polen und Belgien auch gar nicht erreicht, doch die Dänen bauen ihren Zaun. "Gute Nachbarn haben ja keinen Zaun", sagt Mogens Dall im Baulärm, "aber gute Freunde vertragen diesen Zaun." Der Zaun, meint er, müsse sein, "leider, leider".

Der Landwirt Dall ist Vorsitzender der süddänischen Landwirtevereinigung LandboSyd, deren blaues Käppi er trägt. Er züchtet ganz in der Nähe selbst Tausende der Millionen dänischer Schweine und fürchtet die Wildschweine, die diese Seuche übertragen könnten. Es gehe um 3000 dänische Betriebe, um Arbeitsplätze und Einkünfte in Milliardenhöhe. Ein Tag Schweineexport bringe so viel Geld, wie der Zaun koste, rechnet Mogens Dall vor. Man müsse das Risiko minimieren. Sobald die Gefahr gebannt sei, werde abgebaut. Dieser Zaun sei "wie eine Brandversicherung", auch wenn es nie brenne. Außerdem wird mit Kameras gewacht, und Wildschweine werden in Dänemark gejagt, so 100 bis 120 Exemplare soll es geben.

"Weder Mensch noch Tier brauchen diesen fachlich unsinnigen und rechtswidrigen Zaun"

Zahlreiche deutsche Nachbarn halten den Wildschweinzaun allerdings für bizarr bis gefährlich. Er schade anderen Tieren und sei nicht mal als Schutz geeignet, weil das Virus auch durch Fleisch und Stechfliegen übertragen werden kann. Als größter Überträger gilt der Mensch, der kontaminierte Wurst wegwirft. Auch endet der Zaun an der Flensburger Förde, Wildschweine können schwimmen.

"Der Wildschweinzaun reiht sich neben Kürzungen im Asylbereich und den Passkontrollen an der dänischen Grenze in die symbolische Abschottungspolitik Dänemarks ein", sagt Rasmus Andresen, der europapolitische Sprecher der Grünen im Kieler Landtag. "Weder Mensch noch Tier brauchen diesen fachlich unsinnigen und rechtswidrigen Zaun." Ein deutscher Bauer in Ellund gegenüber von Padborg findet den dänischen Zaun mindestens unschön. Und er fürchtet, dass der Zaun eines Tages womöglich noch höher werden könnte.

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SZ vom 29.01.2019/fzg
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