Verkehr in Kabul:"Einmal hat mich ein Autofahrer am Kragen gepackt"

Verkehr in Kabul: Harter Job für wenig Geld: Ainullah Razooli, Verkehrspolizist in Kabul, trägt bei der Arbeit eine Art Gummiknüppel, mit dem er auf Autos schlagen kann.

Harter Job für wenig Geld: Ainullah Razooli, Verkehrspolizist in Kabul, trägt bei der Arbeit eine Art Gummiknüppel, mit dem er auf Autos schlagen kann.

(Foto: Tomas Avenarius)

Der Verkehr in Kabul ist schrecklich chaotisch. Und das nicht erst, seit die Taliban die Macht übernommen haben. Ein Verkehrspolizist berichtet.

Von Tomas Avenarius, Kabul

Auf Kabuls Straßen hat der Besitz eines echten Führerscheins Seltenheitswert, das Recht des Stärkeren ist die einzige von allen anerkannte Verkehrsregel, gehupt wird aus Prinzip auch ohne jeden Grund: Hoffnungslos überforderte Verkehrspolizisten versuchen irgendwie, Ordnung in das alltägliche Chaos im Vier-Millionen-Moloch zu bringen. Doch der Verkehr in Kabul ist schrecklich chaotisch.

Dass seit der Machtübernahme der Taliban inzwischen an vielen Kreuzungen langhaarige, bärtige Gotteskrieger herumstehen und den Verkehr mit umgehängtem Gewehr und geschwungenem Schlagstock in Schwung halten wollen, macht das Leben für einen Kabuler Polizisten nicht einfacher. Ainullah Razooli über seine Arbeit auf der Kreuzung vor dem stadtbekannten gut 100 Jahre alten "Turm der Befreiung".

SZ: Verkehrspolizist in Kabul - ein Traumjob oder der reinste Alptraum?

Ainullah Razooli: Na ja, wie man es nimmt. Es ist schon anstrengend, man muss Nerven haben. Auf der Kreuzung hast du sie alle - die guten und die schlechten Menschen. Die schlechten fluchen, schreien, beschimpfen dich. Ich gehöre zur schiitischen Minderheit der Hazara, die meisten Afghanen sehen auf uns herab. Da höre ich Sprüche wie "Mann, Hazara, mach endlich den Weg frei!"

Das klingt unschön.

Es gibt Schlimmeres. Einmal hat mich ein Autofahrer am Kragen gepackt, mich beleidigt. Und ein anderer ist richtig auf mich los, er hat mich im Handgemenge in den Arm gebissen.

Wie lange am Tag stehen Sie denn im Verkehr?

Wir haben keinen Schichtbetrieb, ich arbeite 14 Stunden am Tag. Du musst am Morgen als Erster da sein und gehst am Abend als Letzter. So in etwa steht das in der Dienstvorschrift.

Das klingt nach harter Arbeit.

Zurzeit ist es noch härter: Wir sind stark unterbesetzt, seit der "Revolution" der Taliban bleiben viele Kollegen weg.

Verkehr in Kabul: 14 Stunden am Tag steht Ainullah Razooli auf der Kreuzung vor dem stadtbekannten gut 100 Jahre alten "Turm der Befreiung".

14 Stunden am Tag steht Ainullah Razooli auf der Kreuzung vor dem stadtbekannten gut 100 Jahre alten "Turm der Befreiung".

(Foto: Tomas Avenarius)

Wie wird einer Verkehrspolizist in Afghanistan? Was haben Sie für eine Ausbildung?

Ich hatte von einem Job beim Staat geträumt, wollte eigentlich zur Armee. Aber in Afghanistan braucht man für alles Beziehungen, und die habe ich als Hazara nicht. Man hat mich nach dem Auswahlverfahren einfach zur Verkehrspolizei geschickt. Vorher war ich zwölf Jahre auf der Schule, dann sechs Monate Polizeiakademie, dazu noch zwei Monate bei der Verkehrserziehung.

Ist der Job mit der weißen Dienstmütze wenigstens gut bezahlt?

Ich bekomme normalerweise rund 12 500 Afghani im Monat (umgerechnet 120 Euro). Aber allein die Miete kostet schon 5000 Afghani, weitere 2000 gebe ich meinen Eltern. Von den restlichen 5500 Afghani lebe ich mit meiner Familie. Aber ich habe jetzt schon seit drei Monaten überhaupt kein Gehalt mehr gesehen.

Wie überleben Sie dann?

Seit die Taliban da sind, leben wir praktisch nur von Brot und Tee. Und wir haben angefangen, persönliche Dinge und Besitz zu verkaufen. Ein bisschen Vieh, Land aus Familienbesitz. Das geht noch ein, zwei Monate gut - bis alles weg ist.

Und danach?

Muss ich nach Iran oder nach Pakistan gehen, Arbeit finden. Sonst kann ich die Familie und die Eltern nicht mehr ernähren. Also werde ich mir irgendwo 20 000 Afghani leihen müssen für einen Agenten, einen Fluchthelfer. Und dann werde ich allein dorthin gehen und Arbeit suchen.

Das klingt schlimm. Aber dann müssen Sie wenigstens nicht unter den Taliban leben.

Ich habe es nicht so mit der Politik, ich arbeite für jede Regierung. Bisher haben die Taliban ja noch nichts Schlimmes gemacht. Und ich will eigentlich auch gar nicht weg, ich will am liebsten in Afghanistan bleiben. Ich will nur mein Gehalt gezahlt bekommen.

© SZ/afis
Zur SZ-Startseite
A woman poses in traditional Afghan attire, in Kabul

Protest im Internet
:"Ich trage ein traditionelles afghanisches Kleid"

Afghanische Frauen protestieren mit farbenfrohen Kleidern in den sozialen Medien gegen die Taliban. Sie zeigen so, wie fremd die neue Kleiderordnung in ihrer Kultur ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB