Süddeutsche Zeitung

Protest im Internet:"Ich trage ein traditionelles afghanisches Kleid"

Afghanische Frauen protestieren mit farbenfrohen Kleidern in den sozialen Medien gegen die Taliban. Sie zeigen so, wie fremd die neue Kleiderordnung in ihrer Kultur ist.

Von Violetta Simon

Die Machtübernahme der Taliban hat Afghanistan und vor allem die Afghaninnen in eine dunkle Vergangenheit zurückgeworfen: Die Übergangsregierung in der Hauptstadt Kabul hat keine einzige Ministerin. Das Ministerium für Frauenangelegenheiten wurde ersetzt durch das "Ministerium für die Verbreitung von Tugend und zur Verhinderung des Lasters". Demonstrationen sind in Afghanistan nun verboten. Aber davon wollen sich zahlreiche Aktivistinnen nicht aufhalten lassen, sie bangen um ihre hart erkämpften Freiheiten.

Auch im Internet hat sich der Protest inzwischen formiert, wie etwa der Guardian berichtet: Afghaninnen auf der ganzen Welt posten Fotos oder lebensfrohe Videos von sich und ihren Töchtern in traditioneller, farbenfroher Kleidung. Die betont bunten, reich bestickten Roben sind auch eine Reaktion auf eine Aktion afghanischer Geschlechtsgenossinnen: An der Universität von Kabul waren 300 voll verschleierte Frauen in schwarzen Gewändern erschienen und zeigten sich so mit der neuen Kleiderordnung für Studentinnen solidarisch. Sie besetzten das Auditorium, schwenkten Taliban-Fahnen und erklärten ihre Unterstützung für die Taliban-Kämpfer. Frauen dürfen in Afghanistan weiterhin studieren, doch haben sich Studentinnen der Scharia zu beugen und dürfen den Campus nur noch verhüllt betreten.

Inspiration für die Online-Kampagne war ein Foto der Historikerin und Entwicklungsexpertin Bahar Jajali, die zeigen wollte, dass die vom Taliban-Regime im Namen der Scharia geforderte Kleiderordnung in der afghanischen Kultur völlig fremd ist. Unter dem Hashtag #DoNotTouchMyClothes postete sie ein Selfie von sich in einem grünen Kleid und twitterte dazu: "Das ist afghanische Kultur. Ich trage ein traditionelles afghanisches Kleid." Der BBC sagte sie in einem Interview: "Ich will die Welt darüber informieren, dass die Kleidung, die man in den Medien gesehen hat, nicht unsere Kultur und Identität widerspiegelt."

Auch die Politikerin Peymana Assad postete ein Foto von sich und anderen Frauen in afghanischer Tracht. Assad, die als erstes britisches Kabinettsmitglied afghanischer Herkunft in ein öffentliches Amt gewählt wurde, bezeichnet die Demonstration der Frauen in schwarzen Ganzkörperhüllen als "Talibanshow" in "Dementoren-Outfits". Das Ganze solle von der Realität ablenken: dass das Taliban-Regime Frauen keine Bildung zugesteht.

Kopfschmuck, Augen-Makeup, Kostüme in allen Farben: Mit der Twitter-Aktion bekennen sich die Frauen unter den Hashtags #DoNotTouchMyClothes, #AfghanistanCulture oder #AfghanWoman zu ihren kulturellen Wurzeln. In Afghanistan leben mehr als 50 verschiedene Volksgruppen - und entsprechend unterschiedlich ist ihre traditionelle Kleidung. Mehrmals ist als Überschrift zu lesen: "This is Afghan culture and this is how Afghan women dress." ("Das ist afghanische Kultur und so kleiden sich afghanische Frauen"). Was alle Kleider gemeinsam haben: Sie sind bunt - und stehen damit in Kontrast zum Schwarz, in dem die Taliban Frauen sehen wollen.

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