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Interview am Morgen: Gewalt gegen Ärzte:"Er kam mit einer Waffe in die Praxis"

Wie wird der Patient reagieren: Die Zahl der Angriffe auf Ärzte und Fachpersonal in Arztpraxen steigt.

(Foto: Jesper Aggergaard/Unsplash; Bearbeitung SZ)

Die Zahl der Angriffe auf Ärzte und Fachpersonal steigt. Schleswig-Holsteins Ärztekammerpräsident über Selbstverteidigungskurse und andere Maßnahmen gegen Patientengewalt.

Medizinstudium und Pflegeausbildung dürften bald um einen Aspekt reicher werden: Kampfsport im Kittel. Das zumindest legen Meldungen nahe, wonach unzufriedene Patienten ihren Zorn teilweise gewaltsam ausdrücken. Die jüngsten Äußerungen dazu stammen von Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein.

SZ: Herr Herrmann, Sie bieten Selbstverteidigungskurse für Ärzte an, weil die Gewalt durch Patienten steigt?

Henrik Herrmann: Wir als Ärztekammer bieten solche Kurse nicht an, einzelne Krankenhäuser tun das. Ich halte das allerdings für keinen guten Weg, Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte in Karate oder anderen Kampftechniken auszubilden. Bei Gewalt gewaltsam dagegenzuhalten, ist nicht unsere Aufgabe.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Patientengewalt nimmt tatsächlich zu?

Eindeutig. Und zwar nicht nur bei Patienten, die nichts dafür können, weil sie etwa durch Alkohol- und Drogenkonsum oder Schockzustände nicht Herr ihrer Sinne sind. Sondern auch bei solchen, die klar sind. Die Bereitschaft, in Wort oder Tat Gewalt gegen Gesundheitsfachberufe sowie Ärztinnen und Ärzte anzuwenden, ist im letzten Jahrzehnt gestiegen. Das merkt man in Notaufnahmen und anderen sensiblen Bereichen der Krankenhäuser. Aber auch in Arztpraxen, vor allem im Empfangsbereich.

Dr. Henrik Herrmann, 60, arbeitet als ärztlicher Leiter des Bildungszentrums für Berufe im Gesundheitswesen am Westküstenklinikum Heide. Seit 2018 ist er Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein.

(Foto: Joerg Wohlfromm)

Womit hängt das zusammen?

Jeder sieht seine Bedürfnisse an erster Stelle. Das ist gerade in der Notaufnahme ein Problem. Dort kommen viele Menschen hin, die Hilfe suchen. Aber wer wann behandelt wird, hängt eben von der Dringlichkeit des einzelnen Falles ab. Da kann es sein, dass ich auch mal ein, zwei Stunden warte, weil andere Patienten schneller drankommen müssen - auch wenn sie später gekommen sind.

Wie entscheidet man, welcher Patient früher drankommt?

Wir haben geprüfte Bewertungssysteme für die Notaufnahme, nach denen die Patienten in fünf Kategorien der Behandlungsdringlichkeit eingeteilt werden. Die höchste Kategorie ist: Muss sofort behandelt werden, absolute Priorität. Die fünfte Stufe ist: Kann warten, bis ärztlicher Kontakt da ist.

Kann man das in Krankheitsbilder übersetzen?

Es gibt Patienten, die haben seit drei Wochen Rückenschmerzen und wollen das jetzt mal abgeklärt haben. Wenn der Kreislauf normal und der Schmerz nicht zu groß ist, ist das Stufe fünf. Aber wenn jemand Brustschmerzen hat, starke Luftnot oder nicht richtig ansprechbar ist - dann ist das eine klare Stufe eins, denn das könnte ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt oder eine schwere Kreislauferkrankung sein.

Wer warten muss, kann sich also sicher sein, dass er auch warten kann?

Richtig, trotzdem fühlen sich manche als Notfall, obwohl sie fachlich gesehen keiner sind. Das führt zu Unfrieden, Wutausbrüchen, bis hin zu Gewaltandrohungen und -handlungen. In einem Fall sagte ein Patient: So, dann gehe ich nach Hause, hole eine Waffe und komme wieder. Auch aus Arztpraxen ist das berichtet worden.

Wie geht man mit der Gewalt um?

Erste Krankenhäuser haben mittlerweile einen Sicherheitsdienst, gerade für die Notaufnahme. Außerdem gibt es Deeskalationstrainings, die auch wir als Ärztekammer anbieten. Die schulen Pflege- und Ärztepersonal darin, die Situation zu beruhigen und nicht den Fehler zu machen, selbst aggressiv zu werden. Was auch sehr gut wirkt: Wenn Mitpatienten beruhigend eingreifen, wenn sie zum Zornigen sagen: "Mensch, wir warten doch auch, Sie verzögern nur alles mit Ihrem Aufstand."

Medizin Helfer als Opfer
Gewalt gegen Mediziner

Helfer als Opfer

"Angriff mit Stichwaffe", "mit Pistole bedroht": Gewalt gegen Ärzte und Pflegepersonal wurde lange unterschätzt. Viele Mediziner nehmen die aggressiven Patienten noch in Schutz.   Von Werner Bartens

Was kann die Gesellschaft tun?

Wichtig ist, dass solche Themen öffentlich besprochen werden. So kann ein Bewusstsein entstehen und der Gesetzgeber handeln. Behinderungen von und Angriffe bei Rettungsdienst-, Feuerwehr- oder Polizeieinsätzen wurden bereits unter Strafe gestellt. Das wünscht sich die Bundesärztekammer auch im Rahmen von Vorfällen, bei denen Ärztinnen, Ärzte und Gesundheitsfachpersonal betroffen sind.

Wie regiert das medizinische Personal?

Viele sind verunsichert. Wir haben teilweise Probleme, Notdienste im ambulanten Bereich zu besetzen, weil Ärztinnen und Ärzte sich fragen: Was begegnet mir da? Teilweise bekommen sie schon einen Fahrer zur Seite gestellt, damit man wenigstens zu zweit ist.

Liegt die zunehmende Gewalt vielleicht auch am Personalmangel?

Durchaus. Unterbesetzung verlängert Wartezeiten und verstärkt das Problem.

Wie viele Fälle von Gewalt in Krankenhäusern oder Arztpraxen gibt es?

Wir haben Meldeplattformen, um die Dimension des Problems genauer beziffern und Ursachenforschung betreiben zu können. Leider werden nur wenige Fälle gemeldet. Durch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen weiß ich, dass der Ton rauer geworden ist. Die Vorfälle nehmen zu. Das ist fatal, vor allem mit Blick auf den Fachkräftemangel. Potentielle Pflege- und Medizinkräfte könnten sich fragen, ob sie einen Beruf ergreifen wollen, in dem sie für ihre Hilfeleistung mit Gewalt bedroht werden.

© SZ vom 06.06.2019/ick
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