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Ägypten:Zeitlos chaotisch

Wie spät ist es eigentlich? In Ägypten kann es gut sein, dass sich diese Frage auch mit einer Uhr nicht beantworten lässt.

Von Paul-Anton Krüger

Zeit ist im Nahen Osten ein relativer Begriff, zumal in Ägypten und seiner von chronischem Stau geplagten Hauptstadt Kairo. Wenn dort ein Einheimischer sagt, er brauche noch fünf Minuten bis zum vereinbarten Treffpunkt, ist das eine dehnbare Angabe: Er kann damit von fünf Minuten bis drei Stunden alles meinen. Einzig und allein am Flughafen funktioniert das nicht, da muss man pünktlich sein, und auch die meisten Flüge gehen zur vorgesehenen Zeit ab; das Land ist eingebunden in die komplexen und dicht getakteten Flugpläne des internationalen Luftverkehrs. Nur - wenn man gar nicht sicher sagen kann, wie spät es nun wirklich ist?

Eigentlich wollte Ägypten an diesem Donnerstag nachträglich die Sommerzeit einführen, das hatte das Kabinett am 28. Juni beschlossen, wie die halbstaatliche Zeitung al-Ahram berichtete. Sie solle bis Ende Oktober dauern. Zwei Tage später dann gab der Minister für Parlamentsangelegenheiten, Magdi al-Agati, bekannt, dass die Uhren bereits am Dienstag, also zwei Tage früher, umgestellt würden. Auch das meldete al-Ahram pflichtschuldig, wenn auch ohne die Gründe der plötzlichen Änderung.

Am Wochenende nun warnte der Chef der staatlichen Egypt Air, Safwat Mosallam, es könne zu Chaos an den Flughäfen kommen und seiner ohnehin defizitären Firma Verluste von zwei Millionen Dollar bescheren, sollte das Parlament beschließen, die Sommerzeit zu annullieren. Ein Unterausschuss hatte dies vorgeschlagen; ob und wie das Plenum noch vor Beginn der muslimischen Feiertage zum Ende des Ramadan (und der geplanten Umstellung der Uhren) darüber votieren würde, wusste scheinbar niemand. "Ob Annullierung oder nicht, wir werden flexibel umgehen mit der Entscheidung des Parlaments", sagte Mosallam weiter.

Egypt Air riet den Fluggästen, vier Stunden früher da zu sein

Das Wirrwarr hatte schon Ende April begonnen: Tage vor der Umstellung beschloss die Regierung kurzfristig, die Sommerzeit auf nach Ramadan zu verschieben. Der Sonnenuntergang und damit das Ende des Fastens ließe sonst noch eine Stunde länger auf sich warten. Egypt Air rief seine Kunden damals auf, bei internationalen Verbindungen vier Stunden vor Abflug am Flughafen zu sein, wer Tickets nach dem 29. April gebucht hatte, bekam per E-Mail oder SMS eine Änderungsnotiz. Viele Menschen erfuhren davon erst am Flughafen. Ein guter Teil der Tickets wird in Ägypten analog verkauft, gegen Bargeld in den Büros von Egypt Air. Für das entstandene Chaos, berichtete Minister al-Agati dem Parlament, musste Kairo der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA acht Millionen Dollar Entschädigung zahlen.

Gelernt hat daraus offenbar niemand: Am Montag ließ das Kabinett erklären, die Sommerzeit werde angesichts der Empfehlung des Parlaments abgeschafft. Man wollte damit offenbar vermeiden, dass die Umstellung nach Ende der Sitzungspause am 17. Juli rückgängig gemacht wird.

© SZ vom 05.07.2016
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