Absturz von russischem Passagierflugzeug Lufthansa und Air France umfliegen Sinai

Keine Überlebenden des Fluges 9268: Archivfoto eines Airbus 321 der russischen Airline Kogalymavia

(Foto: AFP)
  • Der Flugzeugabsturz ereignete sich am frühen Samstagmorgen. An Bord der Maschine waren 224 Personen, viele davon Urlauber auf dem Heimflug.
  • Wie die russische Botschaft in Kairo am Samstag auf ihrer Facebook-Seite mitteilte, starben alle Passagiere an Bord des Airbus A-321 von Scharm el Scheich nach St. Petersburg.
  • IS will Maschine zum Absturz gebracht haben, Moskau skeptisch zu IS-Bekennerbotschaft.
  • Lufthansa und Air France wollen Sinai zunächst umfliegen

Ein russisches Passagierflugzeug mit 224 Menschen an Bord ist auf der Sinai-Halbinsel in Ägypten abgestürzt. Die Maschine vom Typ A-321 der Fluggesellschaft Kogalymavia/Metrojet war am frühen Samstagmorgen im Urlaubsort Scharm el Scheich gestartet und nach St. Petersburg unterwegs.

Laut Behördenangaben sind alle 224 Insassen ums Leben gekommen. Das teilte die russische Botschaft in Kairo am Samstag auf ihrer Facebook-Seite mit, auch ägyptische Behördenvertreter erklärten, es gebe "keine Überlebenden".

Ägyptischen Regierungsangaben zufolge brach der Kontakt mit der Maschine 23 Minuten nach dem Start ab. Es seien Trümmerteile gefunden worden, die zu der Maschine gehörten. Die Absturzstelle liegt in einer unzugänglichen, bergigen Region im Zentrum des Sinai. Helfer berichteten davon, dass die Maschine komplett zerstört sei. Etwa 150 Körper haben sie schon im Umkreis von fünf Kilometern zur Absturzstelle gefunden.

Bei dem Unglück kamen den Behörden zufolge 24 Kinder ums Leben. Die meisten Opfer seien Russen. Russische Medien schreiben, dass auch drei Ukrainer und ein Passagier aus Weißrussland unter den Toten sind.

Lufthansa und Air France wollen Sinai zunächst umfliegen

Der ägyptische Ableger des Islamischer Staat (IS) will nach eigenen Angaben die russische Passagiermaschine abgeschossen haben. Das teilten die Islamisten am Samstag auf einem Twitter-Konto mit. Die "Soldaten des Kalifats haben es geschafft, ein russisches Flugzeug in der Provinz Sinai" abzuschießen, erklärte die IS-Gruppe. Die mehr als 220 "Kreuzzügler" an Bord der Maschine seien getötet worden. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Russland hat Ende September mit Luftangriffen in Syrien begonnen. Auf der Halbinsel Sinai kämpfen islamistische Gruppen, die sich der IS-Miliz angeschlossen haben, gegen ägyptische Sicherheitskräfte. Seit 2013 wurden dabei hunderte ägyptische Polizisten und Soldaten getötet.

Der Wahrheitsgehalt dieser Twitter-Meldung konnte zunächst nicht überprüft werden. Auch ist unklar, mit welcher Waffe das gelungen sein soll. Laut Daten des Radardienstleisters Flightradar24 war die Maschine mit der Flugnummer 7K9268 in einer Höhe von 9500 Metern unterwegs, ehe ihr rapider Sinkflug mit einer Geschwindigkeit von etwa 1800 Metern pro Minute begann. Kurz darauf riss der Kontakt ab. Um ein Flugzeug in dieser Flughöhe vom Boden mit einer Rakete zu treffen, sind aufwendige Waffensysteme nötig, für die es gut ausgebildetes Personal bedarf. Dass der IS über solche höherreichenden Waffen verfügt, ist eher unwahrscheinlich. Der russische Militärexperte Igor Korotschenko sagte: "Was höher fliegt als etwa 4500 Meter, ist für sie ziemlich sicher nicht erreichbar."

Auch bei Beobachtern und Experten überwiegt die Skepsis. Die Maschine sei bereits zu hoch geflogen, um von den Waffen getroffen zu werden, die den Extremisten dort bekannterweise zur Verfügung stünden, twitterte etwa Nahost-Experte Charles Lister von der US-Denkfabrik Brookings. Militärexperten schlossen aber eine Bombe an Bord oder einen Abschuss durch eine Rakete nicht aus, sollte das Flugzeug wegen technischer Probleme in den Sinkflug gegangen sein. Eine Bombe im Flugzeug erwähnt die IS-nahe Internetseite in dem angeblichen Bekennerschreiben allerdings nicht.

Russland hat einen angeblichen Abschuss als Grund für den Absturz des russischen Passierflugzeugs über Ägypten als unwahrscheinlich bezeichnet. "Allen Daten zufolge, die uns Ägypten zur Verfügung gestellt hat, sind solche Behauptungen unglaubwürdig", sagte Verkehrsminister Maxim Sokolow am Samstag der Agentur Interfax.

Route des Flugs 7K9268 - 23 Minuten nach dem Start verschwand die Maschine vom Radar

(Foto: Flightradar24)

Die Fluggesellschaften Lufthansa und Air France kündigten an, den Sinai zu umzufliegen, bis die Ursachen geklärt sind. Dieser Luftraum werde vorsorglich vermieden, bestätigte am Samstag eine Sprecherin von Air France der Nachrichtenagentur dpa. Die Zone werde "bis auf Weiteres" umflogen, sagte sie.

Auch ägyptische Behördenvertreter schlossen einen terroristischen Hintergrund aus. "Der Unfall war das Ergebnis eines technischen Problems", sagte ein Behördenmitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur. Ein Flugschreiber sei bereits gefunden worden.

Die russische Agentur Ria Novosti berichtete, die Crew des Flugzeugs habe in der Woche vor dem Unglück auf Probleme beim Start der Motoren hingewiesen. Kurz nach dem Start soll der Pilot technische Schwierigkeiten gemeldet haben. Die Crew habe angekündigt, auf dem nächstgelegenen Flughafen eine Notlandung zu versuchen, sagte Aiman al-Mukadem, Mitglied des ägyptischen Komitees für Zwischenfälle im Luftverkehr. Danach sei der Kontakt zu den Fluglotsen abgebrochen.

Bei den Passagieren soll es sich vor allem um Urlauber gehandelt haben. Insgesamt waren 217 Passagiere und sieben Crewmitglieder an Bord. Die russische Agentur Interfax berichtete, alle Insassen seien Russen gewesen.

Ägyptens Ministerpräsident Scherif Ismail an der Absturzstelle.

(Foto: REUTERS)

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Die Regierung werde eine staatliche Untersuchungskommission einrichten, sagte Putin in Moskau. Die Leitung werde der Regierungschef Dmitri Medwedew übernehmen. Putin verordnete für den 1. November Staatstrauer in Russland. Der russische Katastrophenschutz bereitete den Abflug von drei Maschinen mit Bergungsmannschaften vor.

Branchenberichten zufolge besuchten im vergangenen Jahr etwa drei Millionen Russen Ägypten - dies sei die größte ausländische Gruppe gewesen, hieß es. Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der derzeitigen autoritären Regierung das Land meiden, sind russische Gäste für die ägyptische Tourismusbranche von großer Bedeutung.