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Abschied von Tuğçe:"Nicht jeder hat solch einen Mut wie sie"

Abschied von Tugce

Abschied von Tuğçe in Wächtersbach.

(Foto: dpa)
  • Etwa 1500 Menschen haben sich im hessischen Wächtersbach versammelt, um Abschied von Tuğçe A. zu nehmen.
  • Die junge Frau war nach einer Prügelattacke vor einem McDonald's in Offenbach ins Koma gefallen und nicht mehr erwacht. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erwies Tuğçe die letzte Ehre.
  • Nach der Zeremonie wurde ihr Leichnam auf dem Friedhof ihrer Geburtsstadt Bad Soden-Salmünster beigesetzt.

Bewegende Trauerfeier

Der traurige Abschied von Tuğçe A. beginnt in einem schmucklosen Gewerbegebiet in Wächtersbach. Dort steht neben einer Holzwerkstatt und Bahngleisen das gelbe Moschee-Gebäude des Türkisch-Islamischen Kulturvereins (Ditib). Im Freien bahren Helfer den dunkelbraunen, geschmückten Sarg mit dem Leichnam auf. Viele der etwa 1500 Trauergäste weinen, als ein Gebet für Tuğçe gesprochen wird.

Die junge Frau war nach einer Prügelattacke vor einem McDonald's in Offenbach ins Koma gefallen und nicht mehr erwacht. Auf zwei Tischen vor dem Moschee-Gebäude liegen nun zahlreiche Blumengebinde, mit denen die Menschen ihre Anteilnahme und Trauer ausdrücken. Ein Gesteck aus rosa und weißen Rosen trägt ein Band mit der Aufschrift: "Es hätte auch meine Tochter sein können." An einem anderen steht: "Unser Engel, Du wirst immer in unseren Herzen bleiben."

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu, erweisen Tuğçe die letzte Ehre. Nach der Zeremonie wurde der Leichnam auf dem Friedhof ihrer Geburtsstadt Bad Soden-Salmünster beigesetzt. Mehrere Busse transportierten die Trauergäste von der Moschee zur Beerdigung, die Landstraße wurde zeitweilig für den Verkehr gesperrt.

Die tragische Geschichte der Lehramtsstudentin hat zahlreiche Menschen bewegt, viele drücken Entsetzen und Trauer über die sozialen Netzwerke im Internet aus. Egi Deidda und ihre Tochter Alicia sind aus dem nahen Maintal zur Trauerfeier nach Wächtersbach gekommen. "Nicht jeder hat solch einen Mut wie sie. Ich hätte wahrscheinlich wie viele andere weggeschaut", sagt die Mutter über Tuğçe.

Staatsanwaltschaft will Untersuchungen schnell voranbringen

Die junge Frau war nach bisherigen Erkenntnissen in dem Fastfood-Restaurant zwei Mädchen zur Hilfe gekommen, die von Männern belästigt worden sein sollen. Unter ihnen auch der 18-Jährige, der später auf dem Parkplatz zugeschlagen haben soll. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Noch ist unklar, ob der Schlag oder Tuğçes Sturz, bei dem sie mit ihrem Kopf heftig auf den Boden prallte, die letztlich tödlichen Verletzungen verursacht hat.

Für einen Tötungsvorsatz gebe es keine Anhaltspunkte, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Offenbach. Die Ermittlungen könnten in den ersten Monaten 2015 zu Ende gebracht werden. "In Haftsachen, insbesondere mit Jugendlichen, sollte möglichst innerhalb von sechs Monaten angeklagt werden und die Hauptverhandlung beginnen", sagte er. Mit dem Ergebnis der Obduktionsberichte sei im Januar zu rechnen. Zur Ermittlungsarbeit gehöre auch, die Qualität des Videos vom Tatgeschehen auf dem Parkplatz verbessern zu lassen.

Bundesregierung begrüßt Idee eines Verdienstordens

Schon am vergangenen Freitag war es vor der Klinik in Offenbach, in der die Studentin behandelt wurde, zu sehr bewegenden Szenen gekommen. Es war Tuğçes 23. Geburtstag. Am Abend, als die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt wurden, harrten rund 1500 Menschen vor dem Krankenhaus aus.

Bundespräsident Joachim Gauck will prüfen lassen, ob die junge Frau für ihre Zivilcourage posthum geehrt werden soll. Regierung und Bundeskanzlerin Angela Merkel hätten "große Sympathie" für die Gedanken, "die der Bundespräsident da geäußert hat", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

© SZ.de/dpa/afis/olkl

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